September 8 2010
 

“Baum fällt!”

Eine Hand am Lenkrad entfaltete Tom die Landkarte. Das Gebiet in dem er demnächst arbeiten würde war riesig. Er folgte lange der holprigen Schotterstraße, die eine tiefe Schneise durch den gesamten Wald zog. Nach endloser Fahrt zwischen den Zwielicht spendenden Bäumen erreichte der Pickup endlich eine sonnige Lichtung. Die Bungalows boten einen gewöhnungsbedürftigen Anblick, fast etwas verwahrlost erschien das Lager. Hier würde er also das nächste halbe Jahr leben.

Tom packte seine wenige Habe zusammen und schlenderte in Richtung Haupthaus. Er war wohl einer der Ersten, denn bis auf den Vorsteher herrschte gähnende Leere in der langen Halle. Der Hühne begrüßte Tom freundlich, dann händigte er ihm den Wochenplan aus und wies ihm seinen Bungalow zu.

Dort angekommen machte sich Tom erst einmal frisch und richtete sich kurz ein, denn viel hatte er ja eh nicht bei sich. Als Saisonarbeiter war großartiger Besitz meist nur hinderlich. Den heutigen Tag würde er Zeit zum entspannen haben, doch ab morgen beim ersten Morgengrauen würde der Knochenjob beginnen. Tom hatte schon häufiger als Baumfäller gearbeitet und wusste daher auf was er sich einließ.

Als der Weckruf durchs Lager schallte war Tom bereits fertig angezogen und auf dem Weg ins Haupthaus. Denn er wollte sein Frühstück in Ruhe einnehmen, bevor der große Ansturm sich über das Essen hermachte. Er steckte sich grade die letzten Bissen in den Mund, als sich die Halle allmählich füllte. Er entdeckte einige bekannte Gesichter, doch das interessierte ihn wenig, denn Freundschaften schloss er bei seinen Gelegenheitsjobs in der Regel nicht.

In den nächsten Wochen würde er sich mit vier anderen Arbeitern zusammen ein Gebiet teilen. Toms anfängiche Aufgabe war die Markierung der Bäume. Denn sein geschultes Auge war in der Lage zu erkennen ob ein Baum gefahrlos gefällt werden konnte. Manche Bäume waren schief oder krank, sodass eine Fällung ein großes Risiko darstellen konnte.

Schwitzend und vom Dickicht völlig zerkratzt zeichnete Tom sein Symbol mit weißer Farbe auf die Rinde des Baumes. In einiger Entfernung hörte er den Ruf „Baum fällt“. Tom rieb sich den Naken und machte sich auf zum nächsten Baum. Dieser war größer als alle anderen, die er an diesem Tag schon markiert hatte, er würde eine Menge Holz bringen. Grade als er den Pinsel hob um sein Symbol zu setzen, bemerkte er eine Bewegung in der Baumkrone. Ein rötlich braunes Nagetier, ähnlich einem Eichhörnchen, stob den Stamm keckernd herab, den buschigen Schwanz drohend erhoben und die viel zu intelligenten Augen auf Tom gerichtet.

Zuerst ignorierte er das Tier, aber es hinderte ihn daran, den Pinsel an den Stamm zu führen, denn es hieb danach und fauchte Tom bösartig an. Er wusste, dass ein Tierbiss viele Krankheiten übertragen konnte und wollte daher den spitzen Zähnen des Nagers nicht zu nahe kommen. Nun kamen auch aus Richtung der Baumkrone keckernde Laute und Tom erkannte, dass wohl eine ganze Familie dieser Tiere in dem Baum lebte, darunter auch drei Jungtiere. Tom schmunzelte als ihm bewusst wurde, wie mutig sich dieses Tier doch verhielt, das sich ihm entgegenstellte um seine Familie zu schützen. Solch einen Zusammenhalt hatte Tom nie kennengelernt, aber grade deshalb hatte er einen riesigen Respekt vor dem Verhalten des kleinen Tieres. Und so steckte er den Pinsel wieder ein und ging lächend zum nächsten Baum.

Einige Stunden später machte sich Tom in Richtung Lager auf, doch als er sich nur noch wenige hundert Meter vor der Lichtung befand sprang plötzich dieses Nagetier in seinen Weg, keckerte, fauchte und veranstaltete ein fürchterliches Theater, sodass Tom ins Stolpern geriet und inne hielt. Wenige Meter vor ihm und dem Nager krachte ein gewaltger Baum nieder und zermalmte jeden Sprössling unter sich, der ihm im Weg stand. Tom schauderte, wäre ihm das Tier nicht in die Quere gekommen, wäre er zermalmt worden wie die kleinen Sprösslinge.

Einige Sekunden blickte ihn das kleine Tier wissend aus seinen klugen Augen an, dann flitzte es mit wehendem Schwanz davon. Tom wurde in diesem Augenblick klar, dass sie quitt waren, denn sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet.

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