September 6 2010
 

Kind des Waldes

Wie jedes Jahr sollte ich auch dieses Mal die Ferien auf dem Landsitz meiner Verwandten verbringen. Als ich auf Oilean Dairbhre ankam, freute ich mich darauf, endlich die Kutsche gegen meine eigenen Füße eintauschen zu dürfen. Von Weitem konnte ich das stattliche Herrenhaus erkennen. Ella, das Hausmädchen empfing mich mit offenen Armen, sie lebte bei meinem Onkel und meiner Tante seit sie 14 war und das war eine ganze Weile her. „Komm erst mal rein,” begrüßte sie mich, “ich habe Kekse gebacken und eine warme Milch steht auch schon auf dem Ofen. Deine Tante und dein Onkel sind bei den Nachbarn und kommen erst Morgen zurück. Bis dahin musst du mit uns Vorlieb nehmen!“ Sie zwinkerte mir zu. Mit „uns“ meinte sie sich und Patrick, den Kammerdiener meines Onkels, der niemals zu altern schien. „Ich bin sicher dir wird nicht langweilig!” Ella wusste, dass ich es liebte durch die alten Gärten zu streichen. Denn dort gab es immer etwas zu entdecken. Es war noch früher Nachmittag und ich freute mich auf meinen Streifzug. Ich wollte meine Sachen auf mein Zimmer bringen, als Ella mich zurück hielt. „Patrick geht gleich mit dir nach oben. Wir haben dein Zimmer in den Ostflügel verlegt. Das ist viel größer und geräumiger.“ „In den Ostflügel?“ fragte ich äußerst erstaunt. In diesem Moment kam Patrick um die Kurve und begrüßte mich so herzlich, dass ich fast ins Wanken kam. Ich schloss mich ihm sofort an, als er meine Sachen nach oben brachte. Ich hatte den Ostflügel nur dreimal betreten. Normalerweise war hier nur altes Gerümpel zu finden und die Gemächer standen alle leer, bis auf ein wenig Unrat. Alles war sauber und ordentlich hergerichtet. Mir war nie bewusst gewesen, was für schöne Wandteppiche es hier oben gab. Mein Zimmer besaß eine Truhe und einen Wandschrank, ebenso einen Waschtisch mit Spiegel. Es war tatsächlich viel größer als mein altes Zimmer. Patrick verabschiedete sich mit den Worten: „Bis zum Abendessen! Ich muss mich noch um ein paar Dinge kümmern“. Wahrscheinlich meinte er damit seine Whiskeyflasche. Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln. Er war ein liebenswerter Kauz.

Ich wollte meine Neugier befriedigen und ließ alles liegen, um mich einmal gründlich umzusehen. Auf dem Weg zur Tür bemerkte ich die Schnitzerei auf der Truhe. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass es sich um eine Waldszene handelte. Ich berührte sie kaum, da streifte mich ein leichter Windhauch, sodass es mich fröstelte. Das Fenster stand offen ich erhob mich um es zu schließen. Als ich zur Truhe zurück kehrte, um die Schnitzerei genauer in Augenschein zu nehmen, kam ich an meinem Waschtisch vorbei und erstarrte. Aus dem Spiegel blickte mich eine weiße Frau an. Meine Kehle wurde so trocken, dass ich keinen Schrei hervorbrachte. Ich blinzelte vor Schreck und als ich wieder in den Spiegel sah, war nichts mehr zu sehen. Ich überlegte mir, ob es nicht besser wäre, nach unten zu gehen, da fiel mein Blick wieder auf die Truhe. Ich erkannte nun, dass es sich um tanzende Mädchen mitten auf einer Lichtung handelte. Begleitet wurden diese von einem Pan. Je länger ich den Pan betrachtete, umso deutlicher wurden seine Gesichtszüge. Er spielte auf seiner Flöte. Ich konnte sein Spiel hören. War das möglich? Immer tiefer zog mich das Bild in seinen Bann. Plötzlich sah auch das Bild auf dem Wandteppich sehr realistisch aus. Dort setzte sich die Szene der Truhe fort. Im Wasser tummelten sich Mädchen. Ich konnte ihr Lachen hell und klar hören. Doch das Flötenspiel zog mich immer mehr in seinen Bann. Ich stellte mich auf die Truhe und berührte den alten Teppich. Meine Hand glitt hinein und der Rest meines Körpers wurde regelrecht aufgesogen. Ich stand auf der Lichtung im Wald und der Pan war nur wenige Meter von mir entfernt. Er spielte weiter auf seiner Flöte. Die Mädchen luden mich ein mit ihnen zu baden. Das konnte nur ein Traum sein! Alles war so unwirklich und doch: Es fühlte sich echt an. Ich sprang in den kühlen Bach. Die Mädchen um mich herum sangen und lachten. Das Lied war seltsam fremd und der Pan begleitete den Gesang auf seiner Flöte. Es schien als würde die Melodie eine Geschichte malen. Die Mädchen tanzten im Wasser und zogen mich mit. Mir wurde schwindelig und ich begann zu taumeln. Die Melodie tanzte immer noch vor meinen Augen. Auf einen Schlag wurde es um mich dunkel und die Musik verstummte.

Als ich erwachte, lag ich in fremden Kleidern auf etwas sehr weichem. Der Kopf schwirrte mir und ich hatte Mühe mich zurecht zufinden. Ich erkannte, dass ich auf einem Moosbett lag. Ich setzte mich langsam auf. Wo war ich? Ich erkannte, dass ich mich in einer Art Zelt befand. Die Decke war niedrig und sah aus wie ein Netz aus Herbstlaub, zusammengehalten von feinsten Silberfäden. In der Mitte knisterte ein leises Feuer vor sich hin. Jemand betrat das Zelt. Erschreckt flüchtete ich mich weiter in die dunkle Ecke des Zeltes. Ich erkannte die Frau aus dem Spiegel. Sie streckte die Hand nach mir aus. „Ich begrüße dich, Kind des Waldes.” sagte sie mit einer melodiösen Stimme “Ich bin Elena, die Hüterin dieses Waldes. Erinnerst du dich noch an mich? Damals im Garten, als du so traurig warst? Ich habe dir versprochen, dass ich dich in ein paar Menschenjahren zu mir holen werde. Nun ist die Zeit gekommen. Du darfst hier bleiben. Alle Vorbereitungen sind getroffen worden.“ Erstaunt sah ich sie an. Da gab sie mir eine Glasscherbe, die das Licht des Feuers reflektierte. Ich sah Bilder eines kleinen Mädchens. Und da war der Garten meines Onkels. Das Mädchen hatte eine blutverschmierte Stirn. Nun erinnerte ich mich. Der Nachbarsjunge hatte mir mit seiner Steinschleuder eine Kopfverletzung zugefügt. Ein paar Tage zuvor hatte er meiner Lieblingskatze eine solch starke Wunde zugefügt, sodass diese unter Qualen daran starb.  Ich schwor damals ewige Rache und rief alle Naturgeister an, mir zu helfen. „Und heute ist der Tag deiner Rache. Komm!“ flüsterte Elena, Ich folgte ihr. Als wir aus dem Zelt traten, sah ich weiter hinten im Wald die große Lichtung. Doch nun befand sich neben dem Bach ein großer Feuerschein, daneben ein Steintisch. Dieser war mir bei Tageslicht nicht aufgefallen. Darauf lag etwas großes Lebloses. Ich konnte es von hier allerdings nicht genau erkennen. Ich folgte Elena zum Feuer, und erkannte beim Näherkommen, dass es sich um den leblosen Körper eines Mannes handelte, der an verschiedenen Stellen blutete. „Du kannst nun Rache nehmen,” sprach Elena “ich übergebe ihn dir! Nimm die Scherbe und vollende es!“ Entsetzen stieg in mir hoch, ich hatte Wut in mir, aber das konnte ich nicht tun. Elena bemerkte mein Zögern und versuchte mich zur Tat zu ermutigen. Ringsum standen seltsame Gestalten mit Tierköpfen, dazwischen die Mädchen von der Lichtung und der Pan war auch da. Jetzt grinste er mir hämisch ins Gesicht. Wie gesteuert erhob ich meinen Arm mit der Scherbe in der Hand. Ich stieß zu. Ein Aufschrei. Der Körper bäumte sich auf und schmerzverzerrt starrten mich zwei Augen an. Wie in Trance hob ich wieder meinen Arm, schaffte es allerdings unter großer Anstrengung, die Scherbe ins Feuer zu schleudern. Ich hörte, dass Elena neben mir etwas in einer Sprache schrie, die ich nicht verstand. Menschen mit Hirschköpfen eilten herbei, packten den Mann und schleppten ihn fort. Alles passierte in Sekunden. Elena wandte sich mir zu und sprach unerwartet freundlich. „Du darfst hierbleiben, du hast die Prüfung bestanden.“

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