Der Abend streckte bereits seine wolkigen Finger über den Winterhimmel, der Wind blies heftig und die schwere Tür donnerte geräuschvoll hinter mir ins Schloss. Nicht genug, dass ich bereits acht Stunden in verschiedenen Hörsäälen verbracht habe, jetzt warteten noch stundenlange Recherchen in der Bibliothek auf mich!
Murrend schwang ich mir meine Tasche über die Schulter, zog mir meinen Schal über den Mund und machte mich auf in Richtung Bibliotheksberg. Zum Glück waren die Arbeitspulte um diese Zeit nie vollständig belegt. Außerdem wurde dort ordentlich geheitzt, nicht so wie in den unterirdischen Hörsäälen, in denen es einen ständig fröstelte, selbst im Sommer!
Ich stemmte mich gegen den Wind, der mir die Tränen in die Augen trieb. Es roch nach Schnee. Eigentlich mochte ich dieses Wetter. Zumindest von innen, mit einem netten Roman, einer Wolldecke und einem heissen Kakao, bot so ein stürmisches Winterwetter einen gemütlichen Anblick. Doch wer hier hinaus musste war echt ein armer Hund! Mich selbst bemitleidend stapfte ich hinauf und betrat völlig durchgefroren die große Vorhalle der Bibliothek.
Ich fand schnell ein freies Pult und machte mich sofort daran mir die Literatur zusammen zu suchen, die ich für meine Arbeit benötigte. Die Stunden vergingen und vor mir stapelten sich unzählige Werke altertümlicher Literatur. Die alten Worte verschwammen bereits vor meinen Augen und irgendwann wurde es mir völlig unmöglich auch nur ein weiteres Wort zu übersetzen. Müde rieb ich mir die Augen und schloss sie für einige Sekunden, weil ich hoffte diese Entspannungspause würde ihnen gut tun.
Ein lauter Gong ließ mich hoch fahren. Die große Uhr in der Haupthalle zeigte ein Uhr an. Ich war tatsächlich eingeschlafen. Verwirrt raffte ich die vielen Bücher zusammen und machte mich auf den Weg, sie zurück an ihren Platz zu bringen. Dabei durchquerte ich die große Sprachwissenschaftsabteilung, die alle nur denkbaren Sprachen umfasste. Als ich an den langen Regalreihen entlang ging viel mir ein Buch in einem auffälligen Einband auf, es schien völlig fehl am Platze zu sein, neben den ganzen unscheinbaren benachbarten Bänden. Auf dem weißen Buchrücken war aus zarten, blutroten Symbolen ein Schriftzug zu lesen. Ich kannte weder Sprache noch Schrift des Buches. Vielleicht zog es mich deshalb so in seinen Bann.
Ich zögerte lange, bis ich das Buch aus dem Regal nahm. Auf dem Einband prangte eine zierliche Lilie in der selben Farbe wie die Lettern auf dem Buchrücken. Wie verzaubert fuhr ich ihre Konturen mit dem Finger nach und betrachtete sie lange. Als ich das Buch endlich öffnete, war es als hätte ich ein Fenster auf gerissen, Gerüche, Farben, Geräusche und Emotionen überfluteten mich förmlich. Es war als befände ich mich im Innern eines Regenbogens, von überall schillerten und strahlten Farben, wie ich sie nie in meinem Leben wahr genommen hatte. Dann war es als stände ich inmitten einer riesigen Wiese mit Wildblumen, deren Duft mich schier überwältigte. Dann wiederum stand ich in einer gläsernen Stadt, umringt von Wesen, die geschäftig hin und her flitzten und sich dabei mit hellen Stimmen in einer wundersamen Sprache unterhielten. Dazwischen liefen Kinder umher, deren Lachen mein Herz anrührte.
Und dann wurde es auf einmal still, die Stadt verblasste und ich fand mich allein, von einem weißen Licht umflossen. Auf dem Boden vor mir wuchs ein zierliche blutrote Lilie, wie aus dem Nichts. Langsam kniete ich nieder, strich vorsichtig über ein Blütenblatt. Da erschien vor mir ein Schriftzug, der selbe, den ich bereits auf dem Buch entdeckt hatte. Doch diesmal verstand ich, was er sagte: Herzensblick.
Doch was dies bedeutete verstand ich noch immer nicht.
Wieder schrak ich hoch, diesmal von zwei Gongs geweckt. Ich saß mitten in der Sprachwissenschaftsabteilung, mit einer Blutroten Lilie in der Hand, doch von dem Buch fehlte jede Spur.
Nach einigen Tagen, wenn ich das Erlebte nur noch für einen Traum hielt, dann betrachtete ich die blutrote Lilie auf meinem Schreibtisch und wusste, der Augenblick in der Bibliothek hatte mein Leben verändert. Denn nun war ich in der Lage Schönheit selbst in dem kleinsten, unscheinbarsten Detail wahrzunehmen. Ich war ein glücklicherer Mensch geworden, denn ich hatte gelernt mit dem Herzen zu sehen.
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