Dian I
Keuchend stieg Dian die letzten Meter empor. Was waren das nur für Menschen, die solche Bauwerke errichteten? Wozu brauchte man hunderte Sufen in einem völlig flachen Land? Wahrscheinlich diente das der Sicherheit, denn jeder der versuchte einen solchen Palast einzunehmen würde unweigerlich geschwächt und entkräftet oben ankommen.
Endlich dort angelangt fasste sie ihren Korb ein wenig fester und klopfte zaghaft gegen die große Pforte. Ohne ein Geräusch schwang diese auf und gab den Blick auf eine gewaltige Eingangshalle frei. „Was willst du?“ Schnaubte sie der Pförtner unwirsch an. „Ich bin Dian, mein Vater schickt mich.“ Erwiderte sie schüchtern und senkte den Blick dabei „Er sagt, der Herr suche noch Hausmädchen und hatte mich ihm vorgeschlagen.“ Der Diener nickte und ließ sie eintreten, sie folgte ihm durch die Dienstbotengänge, er zeige ihr alle Räume, die für sie wichtig sein würden, ihren zukünftigen Arbeitsplatz in der Küche und ihre Kammer, die nur einen Bruchteil der Pracht ausstrahlten, wie es die Eingangshalle und wahrscheinlich auch der Rest der öffentlichen Räume tat. Und trotzdem, Dian hatte sich nie in prachtvolleren Räumen aufgehalten.
Sie war auf dem Hof ihres Vaters aufgewachsen, inmitten von Hühnern und Milchkühen. Ihre zwei Brüder würden den Hof einmal übernehmen und die Eltern hatten bereits die Aussteuer ihrer großen Schwester zu bezahlen und nun kein Geld um auch sie noch weiter durch zu füttern, wie ihre Mutter so liebenswürdig formuliert hatte. Dian war enttäuscht und traurig gewesen, aber sie fügte sich in ihr Schicksal. Als zweitgeborene Tochter war sie überhaupt froh, nicht als Baby ersäuft worden zu sein, wie es immer mehr Mode wurde. Töchter brachten keinen Profit, sie waren lediglich ein weiteres Maul, das zu füttern war. Nur die reichen Herrschaften konnten sich Töchter halten und diese waren für sie nichts weiter als Schmuck. Niemanden interessierte, was eine Frau fühlte oder dachte, sie hatte lediglich gut auszusehen und sich gut zu benehmen.
Daher hatte Dian es doch gut getroffen, sie würde ab nun genauso viel arbeiten müssen wie bisher, hatte aber ab jetzt ein richtiges Bett in dem sie schlafen durfte. Und die Reste, die die Herrschaften vom Essen über ließen, waren weitaus besser als der tägliche Hirsebrei und das verkochte Gemüse ihrer Mutter.
Dian lebte sich gut ein in ihrem neuen Zuhause. Und auch die Köchin schimpfte nur sehr selten mit ihr denn sie war fleißig und erledigte ihre Aufgaben ohne Murren. Schon bald wurde sie von der Köchin nicht mehr bei ihrer Arbeit beaufsichtigt, denn Dian hatte sich als sehr zuverlässig erwiesen. Eines Abends wurde ihr sogar aufgetragen der jungen Lady das Essen in deren Gemach zu brigen. Dian hatte noch nie zuvor eines der privaten Räume des Hauses gesehen, geschweigedenn jemanden aus der Herrschaftlichen Familie, außer dem Herrn selbst, der sie an ihrem ersten Tag kurz in Augenschein genommen hatte. Aus diesem Grund war sie ungeheuer nervös, aber auch neugierig auf die junge Lady, die etwa in ihrem Alter war.
Dian trat lautlos in den Raum ein, das Tablett mit Speisen in den Händen. Das Mädchen saß auf einer Liege, in ein riesiges Buch vertieft, sie knabberte dabei abwesend an ihren Haarspitzen. Dian räusperte sich, doch die Lady reagierte nicht darauf, also stellte sie das Tablett auf einen kleinen Esstisch. Sie war grade im Begriff den Raum wieder zu verlassen als die Lady sie bemerkte und ansprach. „Du bist Dian nicht wahr? Komm her, setz dich zu mir!“ Dian war verwirrt, aber sie gehorchte. Die Lady lächelte erfreut und flüsterte Dian leise ins Ohr „Ich werde jetzt etwas tun und du darfst es niemandem verraten, verstehst du? Du musst schwören!“ Dians Augen weiteten sich vor Erstaunen, doch sie nickte. Und dann geschah etwas, das Dian niemals für möglich gehalten hätte.
