February 5 2012
 

Die Geschichte

Jeden Sommer fuhren mein großer Bruder Dan und ich zum Zelten in den Wald. Wir packten dann unsere Rucksäcke bis oben hin voll, schwangen uns aufs Fahrrad und fuhren einige Stunden, machten Rast und fuhren weiter, bis wir dann am Abend den Fuß des Gebirges erreicht hatten.

Dort angekommen richteten wir unser Lager nah am See ein und entfachten ein Lagerfeuer. Wenn das Wetter hielt blieben wir etwa eine Woche dort, wir angelten, schwammen um die Wette, gingen an einer nahe gelegenen Steilwand klettern und erzählten uns am Lagerfeuer Geschichten.

Doch diesen Sommer kam alles anders als erwartet.

Unser Cousin Pete besuchte uns mit seinen Eltern. Und da Dan und ich nicht auf unsere alljährliche Fahrt verzichten wollten, bestanden unsere Eltern darauf, dass wir Pete mitnehmen sollten.

Wir konnten Pete nicht ausstehen, er war ein eingebildeter, verzogener Bengel aus der Stadt.

Meine Mutter wollte ihm ihr rosa Fahhrad leihen, wir konnten uns das Lachen nur schwer verkneifen. Er hatte nicht einmal normale Turnschuhe, ich mochte mir gar nicht erst vorstellen, wie er in seinen feinen Lederschuhen die Felswand hoch klettern wollte. Aber eigentlich bestand da gar keine Gefahr, denn der Schnösel würde sich wahrscheinlich überhaupt nicht trauen zu klettern.

Im Großen und Ganzen hatte uns die Aussicht, Pete mit nehmen zu müssen, gründlich die Freude an unserer Fahrt verdorben.

Die Strecke bis zum Gebirge schafften wir schneller als ich dachte, denn entgegen meiner Erwartung riss sich Pete zusammen und hielt mit unserer Geschwindigkeit mit. Beim Aufbau des Lagers stand er jedoch nur im Weg rum, bis Dan ihn dann Brennholz holen schickte. Meine Vermutung, das mindestens die Hälfte davon zu feucht sein würde bestätigte sich. Später dann am Abend machte sich Schadenfreude in mir breit, als Pete bei jedem feuchten Holzstück zusammenzuckte, das sich geräuschvoll entzündete.

Grinsend holte Dan eine Taschenlampe hervor und leitete somit eines unserer fantastischen Rituale ein, dem Geschichtenerzähen.

Er erzählte von einer Gruppe Goldgräber, die vor einigen Jahren in diese Gegend zog um in den Minen am Fuß des Berges nach Gold zu suchen. Einige Monate später sei dann nur ein einziger dieser Goldgräber lebend ins Dorf zurück gekehrt, halb wahnsinnig, mit zerrissener Kleidung und nur einem Schuh. Er habe unentwegt von einer Bestie gesprochen.

Ich kannte die Geschichte bereits, aber Pete machte sich fast in die Hose.

Dans Augen funkelten, als er erklärte, die Mineneingänge befänden sich nur einige Minuten Fußweg von uns entfernt.

Am nächsten Morgen war Pete schlecht drauf und nicht sonderlich ausgeruht, ob das daran lag, dass er das frühe Aufstehen nicht gewohnt war? Ich glaube eher, dass er vor Angst die ganze Nacht kein Auge zu gemacht hatte, denn Dan hatte entschieden, dass wir an diesem Morgen die Minenengänge untersuchen wollten.

Wir hatte schon einige Stunden am Fuß des Berges verbracht als, wir auf den dritten Eingang stießen, die vorherigen zwei waren bereits vor Jahren eingestürzt.

Überall lagen rostige Werkzeuge herum, als ob jemand sie absichtlich in der ganzen Gegend verstreuen wollte. Der Stein rund um den Höheneingang war glänzend, tiefschwarz und merkwürdig verformt. Als wir näher heran gingen wurde uns allmählich bewusst, dass wir gar keinen Stein betrachteten, sondern Glas, rußgeschwärztes Glas. Irgendetwas hatte den Höhleneingang so sehr erhitzt, dass er zu Glas geworden war.

Wir wagten uns ein paar Schritte in die Höhle, doch es drangen unheimliche Scharr- und Kratzgeräusche aus ihrem Inneren, sodass wir uns nicht weiter hinein wagten. Ich stolperte, sah nach unten und entdeckte einen alten, zerrissenen Lederstiefel. Auf einmal packte mich Pete an der Schulter und deutete mit der anderen Hand in Richtung Höhleninnerstes. Ich sah sofort was er meinte, ein Lichtreflex, und noch einer in einem Meter Abstand, wie ein riesiges Augenpaar. Ich hörte wie Dan neben mir aufkeuchte, dann ging alles ganz schnell.

Pete packte Dan und mich am Kragen und riss uns beide hinter eine natürliche Steinsäule. In dem Moment ging das Inferno los, Flammen schossen an der Säule vorbei und heiße Druckluft, versengte uns die Haut.

Noch immer umklammerte Petes Hand meinen Kragen, und als die Feuersbrunst nachließ scheifte er uns aus der Höhle. Dan stolperte, doch Pete packte seinen Arm und zog ihn hoch.

Wir rannten zu unserem Lagerplatz, ließen alles liegen und sprangen auf die Fahrräder.

Nach etwa einer Stunde machten wir endlich Rast und versprachen einander niemals auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

Pete, Dan und ich haben uns seit dem jedoch blendend verstanden. Nächsten Sommer fahren wir für eine Woche zu ihm in die Stadt.

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