Traumbilder
Phillip war schon ein merkwürdiger Junge. Er saß in der Bank neben mir und ich konnte ihn immer dabei beobachten, dass er in seinem Heft herum kritzelte, wenn der Lehrer nicht schaute. Die Zeichnungen handelten immer von abenteuerlichen Wesen, mal malte er ein Einhorn, dann einen Riesen mit einer Keule und ein anderes Mal zeigte sein Heft einen dreiköpfigen Drachen. Sobald er meinen Blick bemerkte schloss er sein Heft hastig, als hätte ich ihn bei etwas unangenehmem erwischt.
Ich mochte seine Zeichnungen, sie sahen so echt aus. Die restliche Klasse hänselte ihn, denn er sprach nicht viel, nur wenn er direkt angesprochen wurde. Auch schien er an Freundschaften überhaupt nicht interessiert zu sein. Am Anfang hatte ich noch versucht ihn in ein Gespräch zu verwickeln, doch ich gab es schnell auf. Er lief den ganzen Tag mit seinem Zeichenheft herum, ob in der Frühstückspause oder im Bus auf, dem Heimweg. Manche nannten ihn Streber, sie wussten nicht, dass sich in dem Heft Zeichnungen befanden, sie dachten er lerne unentwegt. Denn gute Noten hatte er, in jeder Klassenarbeit erreichte er die beste Note. Obwohl ich nie gesehen habe, dass er jemals im Unterricht mitgeschrieben hätte.
Eines Morgens zeigte mir meine Mutter eine Einladung, ich war auf Phillips Geburtstag eingeladen worden. Ich wollte mich erst weigern hin zu gehen, aber meine Ma sagte das wäre nicht sehr nett, wie würde ich mich denn fühlen, wenn keiner auf meine Party käme? Also kaufte ich Phillip ein Set Malstifte, die konnte er sicher gut gebrauchen.
Auf der Party bemerkte ich schnell, dass die Eltern der anderen Kinder in meiner Klasse nicht so Aufmerksam waren wie meine Mutter, denn von den Eingeladenen waren lediglich ich und Christin da, ein schüchternes Madchen aus unserer Klasse. Phillip jedoch schien das Ausbleiben seiner Gäste überhaupt nicht zu stören, denn er lächelte uns freudig an. Er rannte auf uns zu und packte uns bei der Hand, dann zog er uns raus in den Garten, wo sein Geburtstagstisch aufgebaut war. Doch er steuerte nicht auf den Tisch zu, sondern zu einem Bachlauf am Ende des Grundstücks. „Will euch was zeigen!“ rief er aus und ließ uns los. Christin und ich sahen uns einige Herzschläge lang an dann stolperten wir Phillip hinterher.
Er saß bereits auf einem Baumstamm, umringt von seinen Zeichnungen. Immer noch grinsend schnappte er sich das Bild eines Ritters und tauchte ihn in den Bach. Was dann geschah ließ Christin und mich den Atem anhalten, denn als Phillip die Hand aus dem Wasser zog, zappelte und strampelte etwas in ihr, als ob es sich aus seinem Griff befreien wollte. Phillip setzte einen kleinen, lebendigen Ritter behutsam ins Grass und tauchte dann eine Pferdezeichnung in den Bach, auch das Pferd erwachte wie durch Zauberhand zum Leben. Nachdem Phillip das Pferd abgesetzt hatte verbeugte sich der Miniritter und schwang sich in den Sattel. Christin und ich beobachteten staunend wie Pferd und Reiter über einen Ast hinweg setzten und über die Wiese in Richtung Gartenzaun ritten.
Doch auf wundersame Weise erstarrten beide in dem Moment als sie das Grundstück verließen und lösten sich dann in Luft auf. Entsetzt schauten Christin und ich zu Phillip, doch dieser zuckte nur betrübt die Achseln. „Es geht nur hier, ich weiß nicht warum!“ sprach er entschuldigend, dann nahm er sein Heft hervor und zeichnete gleich zwei Ritter und eine feine Dame. Sobald auch diese erweckt waren fingen die beiden Ritter sogleich an sich zu duellieren, während sie versuchten die Gunst der Dame zu erlangen.
Für Christin und mich war dieser Tag einer der schönsten in unserer Schulzeit und ich denke noch oft daran zurück. Phillip ist mittlerweile ein berühmter Künstler geworden, der dafür gerühmt wird, so wirklichkeitsnah zu malen. Doch ich weiß, er malt nicht die Wirklichkeit, er erschafft sie neu!
