Wolfsgeheul II

Drew verstand noch immer nicht, wie die junge Frau an diesen Ort gelangt war, weder was sie hier gemacht hatte, noch warum sie nackt gewesen war. Denn selbst wenn sie von wilden Tieren so zugerichtet worden war und diese ihr die Kleider zerfetzt hatten, hätte er doch dort zumindest Stofffetzen gefunden wo sie gelegen hatte. Das alles ergab für ihn einfach keinen Sinn. Als er hier ankam hatte er sie zunächst gründlich untersucht, sie schien in einen Schockzustand gefallen zu sein, doch zum Glück war keine ihrer Wunden lebensbedrohlich. Vorsichtig hatte er diese gewaschen und versorgt, nach und nach waren ihm all die Lektionen seines Vaters wieder eingefallen und er war dankbar dafür, denn das half ihm einen klaren Kopf zu bewahren. Seit Stunden beobachtete er nun schon ihren Schlaf und zerbrach sich den Kopf darüber wer sie war und woher sie kam doch allmählich verspürte auch er eine schwere Müdigkeit, zunächst kämpfte er noch dagegen an, doch nach und nach fielen ihm die Augen zu und er fiel in einen unruhigen Schlaf.

Als er erwachte stand der Mond tief am Himmel, verwundert, so kurz geschlafen zu haben streckte er sich und begab sich zur kleinen Kochnische um sich ein Brot zu machen, denn sein knurrender Magen zwang ihn dazu. Auf einmal fühlte er ein merkwürdiges Kribbeln im Rücken, als ob ihn jemand beobachtet, verwirrt drehte er sich um und blickte in Richtung Sofa. Da saß sie, die Wolldecke um geschlungen, mit der er sie zugedeckt hatte und schaute ihn mit feurigem Blick an. Er fühlte sich unwohl, wusste nicht was er sagen sollte, also bereitete er weiter seinen Imbiss zu. Die junge Frau ließ ihn nicht aus den wunderschönen grünen Augen, verfolgte jede seiner Bewegungen mit einer Aufmerksamkeit, die etwas Animalisches an sich hatte. Als er ihr einen Teller mit Brot und Wurst hinstellte, rümpfte sie die Nase und griff sich die Wurst, ohne von der Brotscheibe Notiz zu nehmen, danach schaute sie ihn weiter hungrig an. Drew versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln, fragte sie wer sie sei und ob sie sich an ihren Namen erinnere, doch als Antwort erhielt er nur ihren irritierenden Blick. Nach einigen weiteren Fragen überlegte er sich, ob sie ihn überhaupt verstand. Doch scheinbar hatte sie großen Hunger und so schnitt er ihr einen Teil der Wurst ab und hielt ihn ihr hin. Ihr Blick wanderte von der Wurst zu ihm und wieder zurück, er erkannte, dass sie sich vor ihm fürchtete und legte das Stück auf ihren Teller, neben das unangerührte Brot. Sofort grapschte sie danach, steckte es sich in den Mund und kaute ungezügelt darauf herum, doch sie ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Beim Kauen drang aus ihrer Kehle ein merkwürdiger Knurrlaut, dabei lief es ihm kalt den Rücken herunter. Als Drew sich umdrehte um ihr noch ein Stück abzuschneiden hörte er hinter sich ein Kratzen, wie Krallen auf Holz. Alarmiert drehte er sich um und stand einer ausgewachsenen Wölfin gegenüber. Sein Verstand setzte in diesem Moment aus, er wurde nur noch von seinen Instinkten geleitet. Langsame Bewegungen, nur keine Panik, er bewegte sich in Richtung Tür, stieß diese sachte auf. Das alles wurde von aufmerksamen, grünen Wolfsaugen beobachtet, doch die Wölfin bewegte sich kein Stück. Auf einmal hob ein ohrenbetäubendes Wolfsgeheul an, es kam ganz aus der Nähe seiner Hütte und Drew drehte sich verschreckt in die Richtung aus der es stammte. Rausrennen war also auch keine Option, Drew erschauderte, fiel er jetzt tatsächlich der Wildnis zum Opfer, die er so liebte? Langsam wich er wieder zurück zur Kochnische, die Wölfin schaute ihn aus erschreckend intelligenten Augen an, plötzlich trabte sie in Richtung Tür, doch dann drehte sie sich noch einmal zu ihm um, und verließ danach endgültig sein Haus. Verblüfft starrte er ihr nach, hatte sie ihm wirklich zugeblinzelt? Noch Jahre später war er sich da nie so richtig sicher.

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