September 6 2010
 

Wolfsgeheul I

Die Nacht brach herein und der Vollmond strahlte über die Lichtung, als er es sich auf dem nördlichen Hochsitz bequem machte. Drew wollte von hier aus eine Herde äsender Hirsche beobachten. Er liebte diese Nächte, an denen er ganz auf sich allein gestellt war, mit einer Flasche Bier und einer einfachen Wolldecke, vollkommen unbemerkt vom Rotwild. Tagsüber hatte er Spuren einer Wildsau mit ihren Frischlingen gefunden, aufgewühlte Erde und Male an den Fichtenstämmen, die die Schweine zum Rückenkratzen nutzten. Von klein auf hatte er die Wälder geliebt, das Gefühl der Freiheit, die enge Beziehung zur Natur. Ein ungeschulter Beobachter würde nicht viel Leben neben dem dichten Grün entdecken, doch Drew konnte auf einem Quadratmeter Waldboden tausende von Spuren erkennen, vom kleinsten Insekt bis hin zum mächtigen Hirsch. Sein Vater hatte ihm und seinem Bruder alles beigebracht, was sie wissen mussten um in der Wildnis tagelang zu überleben, welche Kräuter und Wurzeln essbar waren, wie man sich Wolfsrudel vom Hals hielt und wie man sich einen Unterschlupf baute, kleinere Wunden versorgte und noch vieles mehr. Früher waren sie gemeinsam auf Pirsch gegangen wie sein Vater es nannte, heute fuhr Drew nur noch einmal im Monat für ein Wochenende in dieses Gebiet, um sich von dem Stress in der Kanzlei zu erholen. Ein dumpfes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken, er hielt den Atem an, verhielt sich ganz still und wartete ab, ob es sich wiederholte. Minutenlang geschah nichts, selbst die Hirsche waren nicht von der Lichtung geflüchtet. Lediglich das Leittier und ein paar andere hatten die Ohren aufgestellt, während die Kühe und ihre Jungen weiter ästen. Drews Muskeln entspannten sich und er griff wieder zu seinem Bier. Doch als er grade absetzte hörte er ein tiefes, kehliges knurren, ein zweites fiel ein, dann ein spitzer Schrei. Auf einmal war auf der Lichtung die Hölle los, die Hirsche stoben nach Süden davon und waren in weniger als einer Minute verschwunden. Drew war unsicher, ob er hinunter steigen sollte um nachzusehen woher die Geräusche stammten, und entschied sich dafür. Zur Sicherheit griff er nach seinem Jagdgewehr und steckte sich das Messer in den Gürtel, mit dem er zuvor die Bierflasche geöffnet hatte. Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen lenkte er seine Schritte in Richtung Osten, von wo das Geräusch gekommen war. Nach einem kurzen Fußmarsch bot sich ihm ein erschreckendes Bild, inmitten von einem Meer aus grauschwarzen Fellbüscheln lag eine bleiche Gestalt, vollkommen nackt und übersät mit Kratzern und Bisswunden. Langsam näherte sich Drew, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, es war als ob die Zeit stehen geblieben war. Plötzlich erkannte er, dass es sich bei dem zierlichen Wesen um eine junge Frau handelte. Mechanisch hockte sich neben das Geschöpf und legte seine Finger an ihren Hals, zu seinem Erstaunen ertastete er einen schwachen Puls, schnell zog er seine Lederjacke aus, und bedeckte sie damit. Er musste nicht lange überlegen was er nun machte, man hatte in diesem Gebiet keinen Handyempfang und die nächste Stadt lag eine Tagesfahrt von hier entfernt, alles Gründe, warum er grade hier auf die Pirsch ging, und der Grund warum er sie nun in seine kleine Hütte brachte.

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