September 6 2010
 

Der Besucher

Donnerstag, es war mal wieder ein arbeitsreicher Tag gewesen, seit den frühen Morgenstunden war Felis ohne Pause von einem Termin zum nächsten gehetzt. Es war jedes Mal das gleiche, und als sie dann wie immer spät Abends nach Hause kam, hatte sie grade noch genug Energie um sich eine Kleinigkeit in der Mikrowelle warm zu machen und sich auf ihr Sofa zu kuscheln.

Im Fernsehen liefen, wie so oft um diese Zeit, nur noch Sendungen die nicht nach ihrem Geschmack waren. Nach einigem hin und her Zappen schaltete sie entnervt den Fernsseher ab, „Dann wohl doch ein Buch“ grummelte sie, hievte sich aus dem Sofa und tappte barfuß in Richtung Bücherregal.

Vor einiger Zeit hatte sie auf einem Trödelmarkt günstig eine Kiste mit alten Büchern erstanden, alle mit einem dicken Ledereinband versehen, doch bisher hatte sie nie die Zeit gefunden sich die kostbaren Schätze näher anzusehen. Sie wählte einen Band mit schwarzem Umschlag aus, der mit roten, verschnörkelten Lettern verziert war und machte es sich damit auf dem Sofa gemütlich.

Es war eine spannende Geschichte, die von Legenden in und um Transylvanien erzählte, von Werwölfen, Vampiren und anderen Fabelwesen. Doch irgendwann konnte sich Felis einfach nicht mehr auf die Sätze konzentrieren, die Wörter entglitten ihr einfach, als ob sie ein Eigenleben führten. Mehrfach las sie die letzte Zeile, doch ihre Bedeutung ließ sich nicht erschließen, „Zu müde…“ murmelte Felis, rollte sich auf die Seite und kuschelte sich in ihr Kissen.

Sie hatte nicht lange geschlafen, da weckte sie ein scharfer Luftzug. Sie rieb sich fröstelnd die Arme, hatte sie das Fenster offen gelassen? Der Vorhang wehte weit in den Raum, Felis fluchte beherzt und stieg vom Sofa um das Fenster zu schließen, ein schwieriges Unterfangen wie sich heraus stellte, denn der Wind drückte mit aller Kraft dagegen. Als sie es endlich schließen konnte, beschlich Felis ein ungutes Gefühl.

Ohne den Grund für ihre Angst zu kennen schlüpfte sie panikartig zurück unter die Decke auf ihrem Sofa. Hatte sie das Fenster überhaupt geöffnet? Felis fiel in einen unruhigen Schlaf, sie träumte von Händen, die nach ihr griffen, sie liebkosten, eine Hand streichelte sanft ihren Nacken, eine andere ihr Haar, ein Mund strich zart über ihre Wange, über ihre Stirn und ruhte dann an ihrer Schulter. Felis hatte das Gefühl der Schwerelosigkeit, als treibe sie auf sanften Wellen dahin. Ein Geruch nach Erde stieg ihr in die Nase, durchsetzt von Blättern, Moos und süßen Waldbeeren. Felis schwelgte in diesen Gefühlen, gab sich ganz den zarten Liebkosungen hin. Als ihr Wecker schellte überlegte Felis sich zum ersten Mal in ihrem Leben, sich einfach frei zu nehmen, einfach mal blau zu machen und sich noch ein wenig dem sonderbaren Traum hinzugeben. Doch nach wenigen Minuten wurde ihr klar, dass ihn der Wecker ganz und gar vertrieben hatte, enttäuscht setzte sie sich auf und begann sich für einen weiteren Tag voller Termine vorzubereiten.

Später traf sie sich in ihrer Mittagspause mit ihrer Freundin Judith. Hin und her gerissen, ob sie ihr von dem merkwürdige Traum erzählen sollte rieb Felis sich gedankenverloren die Schulter. „Was hast du?“ erkundigte sich Judith „Bist du nervös?“ Felis lächelte „Ach nein, da ist nur so ein Mückenstich, der macht mich wahnsinnig.“ Sie zeigte Judith ihre Schulter. „Wow“ fiff diese, „das sind gleich zwei dicke Stiche neben einander, und du bist sicher, dass das eine Mücke war?“ Sprachlos starrte Felis in ihren Salat.

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