Der Zwielichtzug

Die tief stehende Sonne tauchte die weite Ebene in ein sattes Orange, als der schwarze Mustang den Highway entlang raste und eine große Staubwolke hinter sich aufwirbelte. Trist hatte eine ganze Menge Geld erbeutet, warum also fühlte er sich dann so beschissen? Vielleicht lag es daran, dass er dafür einen Menschen umbringen musste? Oder vielleicht auch an dem Loch, das die Schrotflinte des Opfers ihm noch verpasst hatte? Trist riss sich mit den Zähnen ein Stück Stoff aus dem Ärmel seines T-Shirts und stopfte es mit zusammengebissenen Zähnen in die blutende Wunde.

Er hatte bereits viel zu viel Blut verloren, lange würde er nicht mehr durchhalten. Der Wagen fuhr weiter in rasantem Tempo den Highway entlang, vorbei an vertrockneten Dornenbüschen und hier und da ein paar alten Tierschädeln, ansonsten war dort nichts als Sand, eine endlose Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Trist ertappte sich dabei, dass er mit den Gedanken abschweifte und kurz davor war einzuschlafen. Wenn er nich aufpasste, würde er noch von der Straße abkommen.

Was nützte ihm jetzt das viele Geld im Kofferraum, wenn er hier mitten im Nirgendwo verblutete? Nicht einmal einen Schluck Wasser hatte er dabei. Trist verfluchte sich und sein Schicksal. Es hätte doch alles so einfach sein können, wenn der verfluchte Bastard ihm einfach nur das Geld gegeben und ihn abhauen lassen hätte. Aber der Mistkerl hatte ja den Helden spielen müssen.

Trist drosselte das Tempo des Wagens und fuhr an den Straßenrand. Dort stellte er den Motor ab und schloss für einen Augenblick die Augen. Nur so lange, bis er wieder einen klaren Kopf hatte, dachte er bei sich. Doch dazu würde es nicht mehr kommen. Trists Gedanken glitten immer mehr ab, seine Sinne wurden stumpf und das einzige was er noch spürte war eine unsägliche Kälte, die von ihm Besitz ergriff.

Als die Kälte endlich nachließ und er die Augen aufschlug stand Trist neben seinem Wagen. Er konnte sich nicht daran erinnern ausgestiegen zu sein. Doch als Trist sich zu dem Mustang umdrehte, sah er sich selbst auf der Fahrerseite sitzen, völlig in sich zusammengesunken und blaß. Um seinen Körper herum hatte sich eine große Lache mit Blut gebildet. Trists Verstand schien ausgesetzt zu haben, wie konnte er tot sein, wenn er doch eindeutig hier stand? Und sich betrachtete…

Ein nervenzerreißendes Pfeifen ließ Trist zusammenzucken. Er drehte sich grad noch rechtzeitig herum um eine gewaltige Staubwolke auf sich zurasen zu sehen. Zu flüchten wäre zwecklos, viel zu schnell kam dieses Etwas auf sich zu. Heiße Luft schlug ihm entgegen und der Sand vor seinen Füßen begann zu glühen. Dann brannten sich zwei pechschwarze Linien in den Boden, von denen der Rauch in dampfenden Schwaden aufstieg. Grade als Trist einen atemraubenden Schwefelgeruch wahrnahm, verstärkte sich das kreischende Geräusch wie von Metall auf Metall. Trist riss sich in einem verzweifeten Versuch die Arme vors Gesicht, doch dann wurde er von einer gewaltigen Druckwelle von den Füßen gerissen.

Aus der schwefeligen Staubwolke war ein riesiger, schwarzer Zug aufgetaucht und vor ihm zum Stehen gekommen. Dampf schoss fauchend aus mehreren Öffnungen, dann schob sich eine der unzähligen Türen auf und ein Trittbrett senkte sich vor seinen Füßen herab. Trist rappelte sich auf und spähte in das Innere des Zuges, als ein Mann mit einem schwarzen Kapuzenmantel in der Tür erschien. Langes braunngewelltes Haar floss aus der Kopfbedeckung, dies und eine Hand, die er Trist entgegenstreckte, waren das einzige, was man von dem Mann unter dem dunklen Umhang erkennen konnte.

„Tritt ein Todgeweihter, dies wird deine letzte Fahrt.“ Grollte die Stimme des Mannes, dann bewegte er ruckartig seine Hand und Trist stand in der Luft. Langsam schwebte er auf die Öffnung zu, er versuchte sich zwar zu wehren, aber vergeblich. Es war als kämpfe ein Säugling gegen einen Erwachsenen.

Trist befand sich in einem Zugabteil ohne jegliche Möblierung, der Fremde hatte ihn hier zurück gelassen und war durch eine Tür ins nächste Abteil geschritten. Trist hatte bereits verucht ihm hinterher zu gehen, doch die Tür war verschlossen. Nur die Fenster bleiben ihm, sie ließen sich zwar auch nicht öffnen, doch er konnte wenigstens hinaus schauen. Doch das was er dort sah schockte ihn zutiefst, das Glas war wie eine Leinwand, und auf ihr lief der Film seines Lebens vor ihm ab.

Jede Demütigung wurde ihm erneut vor Augen geführt, jeder Fehltritt, jede Beleidigung die er je ausgestoßen hatte. Doch was ihn am meisten erschütterte war, all die Gesichter jener zu sehen, denen er Schmerz zugefügt hatte. Wieder und wieder musste er erleben, wie er den Tankwart erschossen hatte. Und nicht nur das, er sah auch jene, die der Mann zurückgelassen hatte, sah ihren Schmerz und ihre Trauer. Auch seine eigene Familie konnte er sehen, ihre Enttäuschung, ihren Schmerz, ihre Angst.

Wieder und wieder stürzten die Bilder auf Trist ein und er zerbrach darunter. Als der Man in dem Kapuzenumhang zurückkehrte fand er Trist schluchzend auf dem Boden des Zugabteils, wo er sich, die Arme um die Knie geschlungen, vor und zurück wiegte. „Sag mir ist das hier die Hölle?“ fragte er den Fremden. Doch dieser schüttelte den Kopf und sprach mit donnernder Stimme „Nein, glaubst du etwa wirklich, deine Sünden vor Augen geführt zu bekommen sei schon alles? Deine Schuld ist damit noch lange nicht zurückgezahlt.“ Die Tür des Wagons öffnete sich während der Fahrt und Trist blieb der Atem stehen. Der Zug fuhr über einen tiefen Abgrund, an dessen Grund sich rot glühende Lavamassen befanden. „Dort,“ grollte die Stimme des Fremden „das ist die Hölle. Und nun zahle deine Schuld!“ Der Fremde bewegte erneut ruckartig die Hand und Trist flog aus dem fahrenden Zug. Und dann war da nur noch rot glühender Schmerz.

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