Ein braun gebrannter Junge tauchte spritzend aus dem Becken auf, während das Wasser ihm in Strömen aus dem dunklen Haar rann. Er machte nur einige Augenblicke am Beckenrand Pause, dann tauchte er erneut ab und zog weitere Bahnen. Das Becken lag direkt an einer Klippe und wurde bei hohem Wellengang direkt vom Meer mit Wasser gespeist. Doch dem Jungen machte es nichts aus, dass das Schwimmbecken Meerwasser enthielt, im Gegenteil. Er liebte den salzigen Geschmack und den frischen, natürlichen Geruch des Wassers.
Außerdem wollte er irgendwann einmal, wenn er gut genug war, hier im Meer schwimmen. Er wollte einfach von der Klippe springen und in den salzigen Fluten gegen die Macht der Wellen kämpfen. Und dafür musste er sich an die Beschaffenheit des Wassers gewöhnen, denn wenn man einmal gesprungen war, gab es kein zurück mehr. Dann konnte man nicht einfach aufhören zu kämpfen, weil man ein wenig Salzwasser in Mund oder Nase bekam. Ja, wenn er einmal gesprungen war, dann gab es nur noch ihn und das Meer und nur seine Körperkraft und seine Ausdauer würden ihn vor dem Ertrinken retten oder davor, gegen die scharfen Felsen geworfen zu werden.
Es war gefährlich, im offenen Meer zu schwimmen, besonders hier am Riff, doch trotzdem träumte Lars seit drei Jahren von nichts anderem. Seit er damals hier im Sportinternat aufgenommen worden war und das große Becken und das dahinter liegende endlose Meer entdeckt hatte. Oft legte er sich nach seinen Trainingseinheiten noch ein wenig in die Sonne und schaute auf die kraftvollen Wellen, die spritzend gegen das Riff krachten und dabei kleine Regenbogen in den Himmel malten.
An diesem Freitag würde er einen freien Nachmittag haben und er plante diese Zeit weiter unten in einer kleinen, versteckten Bucht zu verbringen. Von dort aus konnte man gefahrlos ins offene Meer schwimmen und Lars wollte sich hier ein wenig mit der starken Strömung vertraut machen, die weiter draußen herrschte.
Nach der letzten Unterrichtsstunde machte Lars sich am Freitag gut gelaunt auf den Weg zur kleinen Bucht. Dort angekommen entkleidete er sich und watete, nur mit einer Badehose bekleidet, in die Brandung. Er musste nicht weit gehen, um die Stelle zu erreichen, an der man nicht mehr stehen konnte und warf sich in die Fluten. Seine kraftvollen Armzüge trugen ihn sehr schnell vom Ufer weg. Als er nach einiger Zeit das Land hinter sich nur noch schwer erkennen konnte, drehte er um und machte sich auf den Rückweg.
Auf halbem Weg musste Lars jedoch stark gegen die Strömung ankämpfen, seine Bewegungen waren längst nicht mehr so kraftvoll wie zu Beginn und in seiner Wade kündigte sich bereits ein Krampf an. Das Kribbeln in seinem Bein wurde von Zug zu Zug immer schmerzhafter und das Ufer war noch so unglaublich fern. Lars hatte seine Kraft eindeutig überschätzt.
Keuchend strampelte er weiter, doch auf einmal verkrampfte sein Bein endgültig. Lars krümmte sich schmerzerfüllt und schlukte dabei einen Mund voll Wasser. Er geriet in Panik, drohte unterzugehen. Noch immer war das Ufer zu weit entfernt und es war niemand da, der ihm zu Hilfe kommen konnte, die Küste war vollkommen verlassen.
Hilflos schnappte Lars nach Luft und versuchte sich mit Hilfe seiner Arme über Wasser zu halten. Doch immer wieder tauchte er dabei unter und geriet dabei immer mehr in Panik. Er verspürte Todesangst, als plötzlich eine hohe Welle über seinem Kopf zusammenschlug und ihn vollends unter Wasser riss und ihn mehrmals herumwirbelte. Er öffnete die Augen im salzigen Wasser und wusste nicht mehr wo oben und wo unten war. Lars brachte seinen Körper dazu weiterzumachen, doch er war sich überhaupt nicht sicher, ob er in die richtige Richtung schwamm. Seine Lunge zwang ihn luftzuholen, doch er kämpfte dagegen an.
Und verlor nach einigen Minuten den Kampf. Schnell schwand auch sein Bewusstsein, doch bevor es endgültig dunkel um ihn wurde sah er ein fantastisches Wesen auf sich zuschweben. Sanftes Licht schimmerte auf den glänzenden Schuppen von einem Fischschwanz, der in einen wohl gerundeten Frauenkörper überging. Das Wesen kam immer näher und er konnte ihr wunderschönes Gesicht erkennen, ihre türkisen Augen funkelten ihn freundlich an und ihr grünes Haar bildete einen Fächer um ihr zartes Gesicht herum. Sie nahm ihn in die Arme und lächelte freundlich, doch er verlor das Bewusstsein.
Als Lars die Augen aufschlug, befand er sich in einem Krankenhausbett und eine Schwester war grade dabei das Abendessen zu servieren. Sie lächelte ihn freundlich an und sagte ihm, er habe verdammtes Glück gehabt, dass zwei Spaziergänger ihn am Strand gefunden hätten, wo er angespült worden sei. Sie hatten ihn beatmet, bis der Krankenwagen gekommen sei, er könnte ihnen wirklich dankbar sein.
Und Lars war dankbar, doch nicht nur den Spaziergängern sondern auch dem sonderbaren Wesen, das ihn an Land gebracht hatte.
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