September 6 2010
 

Weiße Zauberwiese

Schneeglöckchen, die esten dieses Jahr, reckten ihre Köpfe dem Licht der Sonne entgegen und durchbrachen die feine Schneedecke. Nora und ihre kleine Schwester spielten im Garten. Es war noch immer eisig kalt, doch beide waren dick in ihre Winterkleidung eingemummelt und bewarfen sich mit Schneebällen. Beide liebten den Winter und genossen seine letzten Tage, denn der Frühling nahte um die Kälte zu vertreiben und den Schnee zu schmelzen.

Der große Garten war zum Wald hin offen, sodass Nora und ihre Schwester in ihrem Spiel schnell hinein gerieten. Doch das merkten beide nicht, sie veranstalteten sogar ein Wettrennen, das sie nur noch tiefer in den Wald brachte. An einem Bachlauf angekommen warfen beide mit Steinen nach der gefrorenen Schicht, die sich darauf gebildet hatte. Doch das Eis war zu dick um es zu zerbrechen.

Als Lara auf der anderen Seite einen Hasen erspähte setzte sie vorsichtig Fuß um Fuß über den gefrorenen Bach und pirschte sich an das Tier heran. Nora folgte ihrer Schwester, sie wollte sie nicht aus den Augen lassen. Doch der Hase bemerkte die beiden und hoppelte eilig einen Hügel hinauf. Lara rannte dem Hasen noch einige Augenblicke nach, verlor dann jedoch das Interesse.

Nora folgte ihrer Schwester auf den Hügel. Oben angekommen bot sich den beiden ein atemberaubender Blick auf eine weiße Wiese. Sie war völlig von Schnee bedeckt und noch kein Fuß hatte dieses perfekte Bild zerstört, keine Spur hatte sich in die zarte Decke aus gefrorenem Wasser gedrückt. Im Licht der untergehenden Sonne schimmerten sonderbare Eisblumen in den fantastischsten Farben. Nora und Lara war es so, als sähen sie die farbenprächtigste Blumenwiese die es je gegeben hatte vor sich.

Es war ein magischer Moment. Und grade als die letzten Sonnenstrahlen die Wiese in ihr purpurlicht tauchten betrat ein Einhorn die Lichtung. Graziös schritt es auf die beiden zu. Doch dann war die Sonne versunken und auch das Einhorn war nicht mehr sichtbar.

Nora und Lara liefen den Hügel hinab auf die Wiese zu, doch der Zauber war verschwunden. Die Wiese war nichts weiter als eine gewöhnliche Wiese, die von Schnee bedeckt war. Weder magische Eisblumen noch Hufabdrücke waren zu sehen, wie sich beide erhofft hatten. Kein Beweis, dass das was sie erblickt hatten Wirklichkeit war. Nora war enttäuscht und auch ihre kleine Schwester schaute traurig aus.

Nora blickte sich um, es war es bereits sehr dunkel geworden und kälter wurde es auch. Neben ihr schnatterte Lara und blies sich in die Hände. Sichtbar stieg ihre Atemluft in der klirrenden Kälte auf. Sie mussten schleunigst nach Hause, die Eltern machten sich sicher schon Sorgen. Nora und ihre Schwester kletterten zurück über den Hügel und überquerten dann den Bach, doch als sie sich dann umblickte, konnte Nora nicht erkennen, aus welcher Richtung sie gekommen waren. Im Dunklen sahen alle Bäume gleich aus und auch der Schnee war hier im Wald nicht so dicht gefallen, dass sich an irgendwelchen Fußabdrücken orientieren konnten. Sie hatten sich verirrt.

Nora nahm ihre kleine Schwester bei der Hand und führte sie zurück durch den Wald, sie kannte zwar den Weg nicht, doch konnten sie auch nicht hier bleiben, sie mussten sich bewegen. Außerdem hoffte Nora, dass ihre Suche sie vielleicht in die Nähe ihres Hauses führen könnte, sodass dessen Lichter sie in die richtige Richtung führe würde.

Doch nach einiger Zeit zweifelte Nora daran, dass sie in die richtige Richtung lief. Sie war außer Atem, die kalte Luft brannte in ihrer Lunge. Ihre kleine Schwester schluchzte leise und rieb sich die Augen. Nora war verzweifelt, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie hatte Angst, entsetzliche Angst und fühlte sich einsam und verloren.

Ihre Schwester gab ein eigenartiges Keuchen von sich und starrte verängstigt in das Dunkle des Waldes. Nora beugte sich zu ihr herunter, umarmte sie und versuchte sie zu beruhigen, obwohl sie selbst genauso ängstlich war. Dann nahm auch sie eine Bewegung wahr, doch als sie genauer hinschaute war dort nichts zu sehen, nichts als Dunkelheit.

Dann trat ein Schatten zwischen den Bäumen hervor. Nora wich zurück, doch als das Wesen ins Mondlicht trat, sah sie das glänzende weiße Fell des Einhorns. Es schritt erhobenen Hauptes auf sie zu und blieb nur wenige Schritte vor ihnen stehen. Nora und ihre Schwester Lara staunten und vergessen waren alle Tränen und all der Kummer, sebst die Angst war verschwunden. Nora ging auf das wunderschöne Tier zu und streichelte seine warmen, weichen Nüstern. Das Einhorn schnaubte, und rieb seinen Kopf vertrauensvoll an ihrer Hand.

Dann neigte sich das edle Tier und ging auf die Knie. Für Nora war diese Geste eindeutig, sie sollten aufsteigen und das taten sie. Nora hielt sich an der Mähne fest und ihre Schwester hinter ihr schlang die Arme um sie. Sofort stand das Einhorn auf und machte sich mit ihnen auf, zu einem unvergesslichen Ritt. In Windeseile fegten sie zwischen den Bäumen hindurch. Beide Mädchen jauchzten vor Freude und in nur wenigen Augenblicken erreichten sie ihr Elternhaus.

Als die beiden abstiegen erfüllte Freude doch auch Wehmut ihr Herz, aber sie waren zu Hause, gerettet und nur das zählte. Strahlend liefen sie auf die Gartentüre zu, doch als sie sich umwandten, um noch einen letzten Blick auf das wunderschöne Einhorn zu werfen, war es verschwunden.

Nie vergaßen die beiden Mädchen ihr Abenteuer im Schnee, die weiße Zauberwiese und das magische Einhorn hatten stets einen Platz in ihren schönsten Erinnerungen.

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