Das Bernsteinamulett

Ein eigenartiges Gefühl war es schon, das große Herrenhaus zu betreten. Die große Eingangshalle überstieg ihre kühnsten Erwartungen. Es war kaum zu glauben, dass ihre Großmutter so wohlhabend gewesen sein soll, ohne dass sie selbst jemals davon erfahren hatte. Doch eigentlich war es nicht so verwunderlich, dass sie so wenig über ihre Großmutter wusste, denn Shylas Mutter hatte sich noch vor ihrer Geburt mit Lady Amber zerstritten und so hatte sie die alte Dame nie kennengelernt.

Morgen sollte die Testermentsverlesung beginnen und bis dahin sollten die Hinterbliebenen in Lady Ambers Haus zu Gast sein. Neben Shyla selbst gab es nur noch ihre Mutter, die jedoch auf ihr Erbe verzichten wollte und deshalb nicht angereist war, Shylas Tante Meredith, die sie nur von Fotos kannte und deren verwöhnte Tochter Justine. Beide hatten bisher mit Lady Amber in dem Herrenhaus gewohnt und hofften es zu erben. Bereits die Begrüßung verlief unangenehm frostig und Shyla war froh, als sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen konnte.

Shylas Mutter hatte ihr vor Jahren von dem Vorfall erzählt, durch den sie sich von ihrer eigenen Mutter distanziert hatte und in diesem Streit hatte Meredith eine große Rolle gespielt. Meredith war die Witwe von Shylas Onkel Harold, dem Bruder von Shylas Mutter und der leibliche Sohn von Lady Amber. Shylas Mutter war immer der Meinung gewesen, dass Meredith nur hinter dem Geld der Familie her war und dass der Tod ihres Bruders Harold gewiss kein Unfall war.

Meredith hatte es zu diesem Zeitpunkt jedoch geschafft durch ein paar tränenreiche Beteuerungen Lady Amber auf ihre Seite zu ziehen und Shylas Mutter schlecht zu machen, sodass es zu einem großen Streit zwischen der Lady und ihrer Tochter kam, in dem Lady Amber ihre eigene Tochter bezichtigte den Tod von Harold gewünscht zu haben, weil sie angeblich stets auf ihn eifersüchtig gewesen sei. Shylas Mutter wusste zwar, dass sie diese Anschuldigungen Meredith zu verdanken hatte, doch fühlte sie sich von ihrer Mutter so sehr verraten, dass sie jegliche Verbindung zu ihr und ihrer Schwägerin kappte.

Erschöpft ließ sich Shyla auf das enorme Himmelbett fallen. Sie versuchte die negativen Gedanken gegenüber ihrer Tante abzuschütteln, schließlich war sie nicht hier, um den alten Familienstreit fortzuführen, sondern um ihre Großmutter kennenzulernen. Man hatte ihr das frühere Schlafzimmer ihrer Mutter zugewiesen, nebenan lag das Zimmer ihrer Großmutter. Beide Räume waren durch einem Balkon miteinander verbunden, der Ort an dem die alte Lady gestorben war. Shyla rieb sich fröstelnd über die Arme und versuchte den Gedanken daran zu verdrängen.

In dieser Nacht konte Shyla nicht einschlafen, die ungewohnte Umgebung war genauso daran Schuld, wie die kreisenden Gedanken, die sie einfach nicht verscheuchen konnte. Nachdem Shyla sich einige Stunden gequält und von einer Seite auf die andere gewälzt hatte stand sie auf, zog sich den Mogenmantel über und öffnete die Tür zum Balkon. Fröstelnd stand sie da und konnte den Blick nicht von der gußeisernen Brüstung wenden.

Hier war sie gestorben, hier war Lady Amber zusammengebrochen und hatte ihr Leben ausgehaucht. Shyla zwang sich dazu, den Blick abzuwenden und den Balkon zu überqueren, um das Schlafzimmer ihrer Großmutter zu betreten. Der Raum war riesig, beherrscht wurde er von dem antiken Himmelbett unnd dem dazu passenden Schrank aus Kirschholz. Eine Wand war mit Gemälden behängt, Portraits von verschiedenen Menschen, vielleicht Familienmitglieder? Aber ein Bild zog sie am meisten in ihren Bann, es war, als ob sie in einen Spiegel schaute, nur dass ihr Spiegelbild zwanzig Jahre älter war als sie selbst. „Großmutter“ flüsterte sie ergriffen. Um den Hals trug die Dame ein wunderschönes Amulett, in das ein Bernstein eingefasst war. Vorsichtig fuhr Shyla mit dem Finger über das gemalte Schmuckstück.

Ein seltsames Gefühl ließ sie sich umdrehen, die Balkontüre stand offen und der Vorhang wehte ins Zimmer herein. Hatte sie die Türe nicht sorgfältig genug geschlossen? Als sie nach der Türe griff, um sie zu schließen, nahm sie eine wallende Bewegung auf dem Balkon wahr. Angst erfüllte sie, als ihr bewusst wurde, was sie da vor sich sah. Auf dem Balkon lehnte eine durchscheinende Gestalt am Geländer, sie trug ein wallendes weißes Nachthemd und als sie sich zu Shyla umdrehte, war das erste was sie sah das Amulett mit dem glänzenden Bernstein in seiner Mitte und dann das gütige alte Gesicht, das ihrem eigenen so sehr glich.

Shyla wagte kaum zu atmen als die Erscheinung zu sprechen begann: „Shyla, mein Kind, endlich treffen wir uns! Zu einem höchst traurigen Ereignis wie mir scheint.“ Der Geist lächete sie freundlich an. „Ich habe nicht viel Zeit Kind, also hör mir gut zu. Ich habe deine Mutter sehr geliebt und ich bedauer was geschehen ist zutiefst. Doch Meredith, die falsche Schlange hat mich manipuliert und erst in den letzten Monaten ist mir mein Fehler bewusst geworden. Aber da war es zu spät, Meredith hatte mein Ableben bereits geplant und ich war zu schwach um es zu verhindern, denn die Gute hatte mich seit Monaten vergiftet. Schau doch nicht so bestürzt, glaub mir ich habe Vorkehrungen getroffen.“ Lady Amber war näher gekommen und strich Shyla federleicht über das Haar.

Als Shyla erwachte lag sie auf dem großen Himmelbett im alten Zimmer ihrer Mutter. Noch immer erschütterte sie der Traum, den sie in dieser Nacht durchlebt hatte, der Gedanke daran, dass ihre Großmutter ermordet worden sei machte ihr Angst. Als sie sich aufsetzte stieß ihre Hand an einen kalten Gegenstand, dort lag das Bernsteinaulett, das ihre Großmutter in dem Traum getragen hatte und verströmte einen warmen Glanz. Und daneben lag ein sorgfältig verschlossener Brief, auf dem in filigraner Handschrift zu lesen war: „Mein letzter Wille.“

Die Testamentsverkündung war ein Schock für Meredith, denn der Notar bestätigte die Echtheit von dem Testament, das Shyla mit brachte, sie behauptete natürlich es im Zimmer ihrer Großmutter gefunden zu haben. In diesem Schreiben beschuldigte die Lady ihre Schwiegertochter und deren Tochter sie vergiftet zu haben und überschrieb ihr gesamtes Erbe ihrer Enkelin Shyla.

In den nachfogenden Wochen wurde der Tod der alten Lady Amber von der Polizei erneut untersucht und man fand heraus, dass die alte Lady tatsächlich vergiftet wurde. Auch den Tod von Shylas Onkel Harold untersuchte man erneut , mit erstaunlichem Ergebnis.
Meredith wurde dann des zweifachen Mordes für schuldig befunden und auch ihre Tochter wurde wegen Beihilfe verurteilt.

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