Wind des Schicksals
Der Fuchs sprang leichtfüßig in das dichte Gebüsch und war verschwunden. Mance trieb dem Pferd seine Hacken in die Flanken. Die Stute setzte gehorsam über den Strauch hinweg, sodass Mance das Tier weiter verfolgen konnte. Schnaubend brachen Pferd und Reiter durchs Unterholz. Doch immer wenn er glaubte den Fuchs in die Enge getrieben zu haben, scherte der Räuber aus und rettete sich in ein Dickicht.
Lange konnte es nicht mehr so gehen, denn Mance machte sich zusehends Sorgen um sein Reittier. Der Weg wurde immer beschwerlicher und die Gefahr bestand, dass die Stute sich ein Bein brach. Als die Verfolger über einen seichten Bachlauf setzten, gelangten sie auf eine freie Fläche, in deren Mitte eine Burg stand. Vom Fuchs war nicht mehr die geringste Spur zu entdeckeen.
Ein altertümliches Gemäuer. Scharfer Wind wehte durch die rissigen Wände, an denen der Mörtel heraus gebröckelt war. Unheimlich sang er sein Lied in den alten Hallen, in denen einst Bänkelsänger, großen Herren und edlen Damen zur Unterhaltung, gespielt und gesungen hatten. In denen die schönsten Bälle und Bankette statt gefunden hatten.
Der alte Herzbaum in der Mitte des Burghofes senkte trauernd seine Zweige der Erde entgegen. Vorbei waren die Zeiten von Prunk, Gesang und Tanz. Nur der Wind war ihm geblieben. Nicht einmal Geister besuchten diesen Ort noch, er war völlig verlassen. Zu dicht war der Wald, der die alte Burg umschloss, als das Besucher sich hierher verirren könnten, Viel zu lange schon herrschte Einsamkeit auf der Burg, sie erdrückte alle Hoffnung und hinterließ nur Leere, die in jedem der unzähligen Räume wiederhallte.
Mance stieg eilig ab, zu verblüfft war er von seinem Fund. Der Fuchs, die Jagd, all das war längst vergessen. Nie hatte er einen solchen Ort gesehen, wie verzaubert lag das alte Gemäuer da, mit all seinen Geheimnissen. Er führte sein Pferd vorsichtig in den Innenhof, denn überall lagen große Steine herum, die mit der Zeit aus dem Gemäuer gebrochen waren. Als er die Stute angebunden hatte ließ er sie zurück, um sich das Innere der Burg anzusehen.
Ehrfürchtig berat er die große Halle, hier hatten also einst große Herren und edle Damen zusammen gesessen und gefeiert. Mance betrachtete die Wandmalereien, die von großen Taten kündeten. Ritter auf der Jagt nach einem weißen Hirsch, Ritter die einen Drachen erschlugen, die große Turniere abhielten um Ruhm und Ehre zu erhalten, oder die einer Dame den Hof machten. Die Wände der ganzen Halle war von diesen Gemälden bedeckt und über dem Eingangsportal stand ein Spruch in altertümlichen Lettern: „Streit und Minne, sind des Ritters Lebensziel. Ruhm und Ehre hat er nie zuviel.“
An der Rückwand der großen Halle führte eine hölzerne Tür in einen weiteren Saal. Als Mance diesen betrat, fand er sich in einem weiteren fensterlosen Raum, dessen Wände ebenfalls von Malerei bedeckt waren. Doch diesmal waren keine Schlachten zu sehen, sondern ein enorm verzweigter Stammbaum in Form von einer Trauerlinde, in deren Blättern kleine, mit Namen versehene Portraits zu sehen waren. Mance konnte den Verästelungen kaum folgen.
Doch als er am jüngsten Zweig angekommen war, machte er eine sonderbare Entdeckung. Der letzte Lord dieser Burg hörte auf den Namen Mance Silberhaar, das war schon erstaunlich, denn Mance wusste, dass er nach seinem Vater benannt worden war und dieser vor ihm nach seinem Vater und so weiter. Man hatte ihm gesagt, das sei Familientradition, nun fragte er sich, wie lange diese Tradition wohl zurück liegen mochte.
Was aber noch viel verblüffender war, war die Tatsache, dass das Portrait seines Namensvetters wie er selbst eine Silberne Locke in dem ansonsten rabenschwarzen Haar trug. Erschüttert drehte Mance sich um die eigene Achse, von unzähligen Portraits blickten ihm Männer entgegen, denen eine ebenso auffällige silberne Locke in die Stirn fiel.
Das konnte doch alles kein Zufall sein!
Völlig durcheinander verließ Mance die Burg um zu seiner Stute zurück zu kehren. Doch als er den Burghof betrat, war dieser auf eine Weise verändert, die Mance nicht beschreiben konnte. Die Melancholie dieses Ortes hatte sich irgendwie von dem Gemäuer gehoben und statt dessen herrschte jetzt eine erwartungsvolle Stimmung. Auch schien es, als sei der Innenhof heller als zuvor und die Vögel zwitscherten um die Wette. Doch die größte Veränderung war mit dem alten Herzbaum geschehen. Die Linde ließ nun ihre jungen, saftig grünen Triebe im Wind tanzen, als feierte sie die Rückkehr des Erben vom Silberhaar.
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