Der Angler

Pfeilschnell sirrte die Leine durch die Luft und mit einem Platschen tauchte der Köder ins Wasser. Heute hatte er einfach kein Glück, die Fische wollten nicht anbeißen und die Sonne berührte bereits den Horizont, während der Himmel sich rosa färbte. Seine Mutter würde ihm ein paar ordentliche Schläge verpassen, wenn er wieder ohne Fang nach Hause kam.

Seine Mutter war freundlich gesagt ein Drache, eine unerträgliche Diktatorin! Und eigentlich war Sam alt genug, sie zu verlassen, doch er tat es nicht. Viel zu große Angst hatte er vor der Einsamkeit, also bleib er und ertrug die täglichen Schikanen der Frau, die ihn geboren hatte.

Sam wünschte sich nichts sehnlicher als eine Frau mit freundlichem Gemüt, die bereit war ihr Leben mit ihm zu teilen. Doch jedesmal, wenn er ein Auge auf eines der Mädchen im Dorf geworfen hatte, manchmal waren seine Avancen sogar erwiedert worden, war seine Mutter zur Stelle gewesen und hatte das arme Ding vergrault.

Resigiert holte Sam seine Angel wieder ein und warf sie erneut aus, wie sollte er je ein Mädchen finden, wenn diese Drachin ihn ständig vor jedem heruntermachte? Warum mischte sie sich in alles ein? Eiversucht, schoss es Sam durch den Kopf, seine Mutter wollte ihn für sich, seine Arbeitskraft, sogar seine Gesellschaft. Denn wenn er eine Frau fände, würde er ihnen selbstverständlich ein eigenes Haus bauen. Und dann wäre Mutter alleine und Sam ging jede Wette ein, dass sie sich vor der Einsamkeit genauso fürchtete wie er. Aber warum musste sie ihn immer so schlecht behandeln? Sam rieb sich, in Erinnerung an die letzten Schläge, die linke Wange.

Während Sam überlegte, warum ihn sein Los so hart getroffen hatte, spürte er plötzlich ein Ziehen an der Angel, wie er es noch nie erlebt hatte. Er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, doch trotzdem gelang es ihm nur mit Mühe, die Leine einzuholen.

An seiner Angelschnur zuckte und zappelte ein riesiger Goldfisch, zumindest hielt Sam ihn für einen solchen. Das Tier war mindestens zwei Ellen lang und Sam ächtzte von der Anstrengung den Fisch an Land zu hieven. Als er den Fisch vom Haken befreit hatte schnappte dieser hecktisch nach Luft. Sam strahlte über beide Ohren, dieser Fang würde seiner Mutter schon zeigen, dass er doch zu etwas nütze war.

Doch als Sam seinen Knüppel packte um den Fisch mit einem Schlag zu töten, stieß dieser eien fürchterlichen Schrei aus. „Nein“ schrie der Fisch, „hab erbarmen!“ Sam ließ schockiert den Knüppel in den Sand fallen. „Was zum Teufel bist du?“ fragte Sam erstaunt. „Junge, lieber Junge lass mich leben, ich bin ein ganz besonderer Fisch, ein Glücksfisch nämlich.“ bettelte das Tier, „Wenn du mir nichts tust und mich zurück ins Wasser wirfst, werde ich dir als Dank einen Wunsch erfüllen.“

Sam musste einige Augenblicke nachdenken, wenn der Fisch ihn betrog nachdem er ihn ziehen ließ, entging ihm der ausgezeichnetste Fang, der ihm je gelingen würde. Doch andererseits, die Aussicht auf Glück, einen erfüllten Wunsch…

„Ja!“ sprach Sam „So machen wirs.“ Erfreut sprach der Fisch „Gut, dann mach schnell, ich muss zurück ins Wasser.“ Vorsichtig trug Sam den Glücksfisch zurück ins Wasser und ließ ihn schwimmen. Doch unglücklicher Weise tauchte der Fisch unter, kaum das er das Wasser berührte.

Sam fühlte sich betrogen und Wut kroch in ihm empor, auf den Fisch, auf sich selbst aber auch auf seine Mutter, ohne sie wäre er längst glücklich und der Fisch nur ein geringes Ärgernis.

Das Wasser spritzte als der Glücksfisch plötzlich aus den Fluten brach und wieder ans Ufer schwamm. Im Maul trug er eine kleine goldene Perle. „Lieber Junge, wie versprochen gewähre ich dir einen Wusch, weil du mich wieder ziehen lässt. Nimm diese Perle, spreche deinen Wunsch und er wird in Erfüllung gehen.“ Erklärte der Fisch. „Doch wähle mit Bedacht“, mahnte er, „du hast nur einen Wunsch und einmal gesprochen kann er nie wieder zurück genommen werden.“

Sam nahm die Perle an sich und überlegte angestrengt, was er sich wünschen sollte. Doch er war zu aufgewühlt um klar denken zu können. Sein Herzenswunsch war eine Frau, doch selbs wenn er sich eine Frau wünschte, würde seine Mutter ihnen trotzdem das Glück zerstören, da war sich Sam sicher. Er verzweifelte. Nun hatte er die einmalige Gelegenheit, sich zu wünschen, was immer er begehrte und was fiel ihm ein? Allerlei Flüche, die er seiner Mutter an den Hals wüschen konnte.

Doch mit einem Mal sah Sam klar. Er musste etwas gegen den Grund für das Verhalten seiner Mutter tun, nur so konnte er diesen Teufelskreis durchbrechen. Seine Mutter war ein unglaublich unglücklicher Mensch, warum sonst konnte sie so boshaft sein? Also sprach Sam während er die Perle in der hohlen Hand hielt: „Ich wünschen mir, dass meine Mutter so glücklich wird, wie ich es gerne wäre.“ Mit Wehmut betrachtete Sam die Perle, die allmählich ihren Glanz verlor.

Als er die kleine Hütte seiner Mutter betrat war diese wie ausgewechselt, sie hielt sich verschiedene Kleider an und betrachtete sich im Spiegel. „Grüß dich Sam, mein Junge! Gut das du kommst, der Herr Simon hat mich für heute Abend aufs Dorffest eingeladen.“ Lächelnd schaute sie ihn an. „Na worauf wartest du? Zieh dich um, mach dich fein und geh aufs Fest! Ich geb dir auch etwas Geld dann kannst du dich amüsieren, vielleicht findest du sogar ein nettes Mädchen.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und drehte sich dann summend um die eigene Achse.

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