September 6 2010
 

Der Puppenspieler

Es war kurz vor Weihnachten, der kalte Winter hatte längst Einzug gehalten und den Boden mit weißem Schnee bedeckt. Ein kleiner Weihnachtsmarkt wurde in dieser Woche auf dem Dorfplatz errichtet und so strömte allerlei fahrendes Volk in das sonst so ruhige Dörfchen, um seine Waren und Künste feilzubieten. Karlchen wohnte mit seiner Familie auf einem Hof nicht weit außerhalb und so kam es, dass eines Abends ein fahrender Puppenspieler bei ihnen um einen Schlafplatz bat.

Karlchens Vater bot ihm einen warmen Platz in der Scheune an und dafür unterhielt der Puppenspieler Karlchen und sein Schwesterchen mit abenteuerlichen Geschichten.

Der Puppenspieler war ein seltsamer Mann, wie Karlchen noch nie einen zuvor gesehen hatte. Er war von kleinem Wuchs, dafür jedoch sehr kräftig und er trug Kleider von so sattem Grün, dass man ihn in einem Wald nie entdeckt hätte, wäre da nicht sein leuchtend roter Bart, den er lang über seinem Bauch trug. Auch sein Haar war von jener auffälligen Farbe und er trug es in mehreren geflochtenen Zöpfen, die ihm bis weit über den Rücken reichten. Trotz seiner geringen Größe wirkte der Puppenspieler Respekt einflößend und Kalchen hätte sich vor ihm gefürchtet, wären da nicht die vielen Lachfältchen im Gesicht des Mannes gewesen.

Am nächsten Morgen schickte seine Mutter Karlchen in die Scheune um dem Gast das Frühstück zu bringen, warmes Brot und dazu Eier mit Speck. Der Besucher war bereits wach als Karlchen eintrat und schnitzte an einem Stück Holz herum, ein kleiner hölzerner Flügel war schon zu erkennen. Karlchen war fasziniert von dem Geschick des Mannes und fragte, was daraus werden solle, doch der Puppenspieler zuckte mit den Achseln und sagte: „Was auch immer sich in diesem Stück Holz verbirgt, sehe ich erst, wenn ich es befreit habe.“ Karlchen wunderte sich und fragte weiter: „Aber ihr seid es doch der schnitzt, bestimmt ihr dann nicht, was daraus werden soll?“ Der Puppenspieler lachte und sagte: „Das hier Junge, ist kein gewöhnliches Holz, wie glaubst du denn, könnte ich sonst die Puppen so realistisch spielen lassen?“

Nachdenklich und verwirrt verließ der Junge die Scheune. Der Puppenspieler hatte ihm ein Rätsel aufgegeben, das er zu lösen gedachte.

Am Nikolausvorabend war es dann endlich soweit, der Weihnachtsmarkt wurde eröffnet und der Puppenspieler würde einige Vorführungen zum Besten geben. Karlchen und sein Schwesterchen warteten in der ersten Reihe darauf, dass das Schauspiel anfing. Nach einem Trommelwirbel hob sich der rote Vorhang vor der Miniaturbühne und das Märchen begann. Ein Ritter in einer schillernden Rüstung kämpfte gegen einen feuerspeienden Drachen um ein holdes Junfräulein zu retten. Zwischendurch unterbrach immer wieder ein Narr, der den Helden neckte oder das Publikum ärgerte, jedoch immer von schallendem Gelächter begleitet.

Karlchen amüsierte sich köstlich, doch die ganze Zeit gingen ihm die Worte des Puppenspielers nicht aus dem Kopf und er achtete ganz genau auf die Figuren, den Helden, das Jungfräulein, den Drachen und natürlich auf den Narren. Die Puppen waren eindeutig aus Holz, hatten geschnitzte Hände und Gesichter, doch da endlich fiel es ihm auf, es waren nirgends Schnüre zu sehen, nichts womit sich die Puppen würden lenken lassen. Sie bewegten sich von selbst. Was war das nur für ein Zauber?

Als Karlchen am nächsten Morgen den Stall betrat war der Puppenspieler bereits abgereist. Karlchen war unendlich enttäuscht, er hätte doch so gerne noch mit ihm über das, was er gestern gesehen hatte gesprochen.

Als Karlchen bereits wieder nach der Scheunentür griff, um das Gebäude zu verlassen, bemerkte er ein Flattern bei den Dachbalken. Wahrscheinlich hatte sich mal wieder ein Vogel hier hin verirrt. Doch Karlchen hatte sich getäuscht. Von dort oben flatterte nicht ein Vogel sondern ein kleiner hölzerner Engel herab und setzte sich behutsam auf Karlchens Schulter. Das kleine rotwangige Gesichtchen strahlte ihn an. Karlchen zweifelte ernsthaft an seinem Verstand. Da öffnete das Engelskind den Mund und sprach: „Sei gegrüßt Junge. Ich soll dir vom Puppenspieler einen Gruß ausrichten, er wünscht dir einen frohen Nikolaus!” flötete sie mit einer zuckersüßen Stimme. Plötzlich schaute sie schüchtern zu Boden und flüsterte: “Ich würd gern bei dir bleiben, wenn ich darf.“ Dann breitete sie ihre kleinen Flügel aus und schwirrte fröhlich um ihn herum.

Random Posts

One Response to “Der Puppenspieler”

  1. Marcus sagt:

    Eine sehr schöne verträumte Geschichte, die ein wenig an Pinocchio erinnert. geschnitzte Puppen, die zum Leben erwachen und vielen Kindern mit ihren Theaterstücken viel Freude bereiten ;-)
    Auch das überraschende und romantische Ende wenn Karlchen neue Freunde gewinnt, die bei ihm bleiben ist ein wunderbar weihnachtliches Ende ;-)

Leave a Reply

 
 

Recent Comments

Nice Tags

geister marionetten horrorfilm handpuppe geschichten mit handpuppen Marionetten handpuppen marionetten filme mit geistern horror handpuppen horrorfilm Marionette Feehen Marioneten marionetten weihnachtsmarkt marionetten Feen geisterhandpuppen puppenspieler marionette puppen feen elfen marionette hände Bedeutung handpuppe puppen marioneten# Puppen mit bewegten Mund horrorfilm handspielpuppen Handpuppe geschnitzt geister handpuppen