February 5 2012
 

Feenhaar

Resigniert sammelte Roberto die wenigen Münzen aus dem geöffneten Geigenkasten. Im Winter, wenn die klirrende Kälte einem durch Mark und Bein ging, war das Geigenspielen eine wahre Tortur für ihn. Doch grade in der Weihnachtszeit war die Spendenfreudigkeit der Menschen am größten. Und in Roberto keimte der winzige Funke Hoffnung, dass ein paar von Nächstenliebe beseelte Menschen ihm und seiner Familie mit ihren Gaben den Hunger stillten, wenn er sich nur hart genug ins Zeug legte, wenn er nur ihre Herzen tief genug mit seinen Melodien berühren konnte.

Doch die Kälte lähmte seine Finger, ständig rieb er die Hände aneinander und versuchte ihre steifen Glieder mit seinem Atem aufzutauen. Sein Geigenspiel war sehr unsicher und die Vorbeilaufenden hatten höchstens einen mitleidigen Blick für ihn übrig, seine Musik jedoch bewirkte bei ihnen nichts.

Roberto war ein guter Junge, seit der Vater an einer Lungenentzündüng gestorben war, tat er alles um seine Familie zu unterstützen. Die Mutter arbeitete als Waschfrau und ging bereits gebückt, wegen all der Lasten, die sie täglich schleppen musste. Und doch reichte das Geld nie aus. Abends gingen Roberto, seine Mutter und seine zwei Schwestern hungrig zu Bett, weil das wenige Essen nie reichte um sie alle satt zu machen.

Niedergeschlagen schlurfte Roberto nach Hause, mit der Gewissheit heute wieder nichts geleistet zu haben. Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört sich bei den Seinen zu entschuldigen, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass er sich für sein Versagen schuldig fühlte.

Als er wie so oft beim Metzger vorbei nach Hause ging, drückte sich Roberto die Nase am Schaufenster platt und träumte von einem Festmahl, bis der rundliche Mann ihn brüsk verscheuchte. Selten gab es Fleisch bei Robertos Familie und wenn dann bestand es aus Abfällen, die ausgekocht wurden um eine nahrhafte Suppe zuzubereiten.

Plötzlich wurde er von hinten gestoßen und dabei wurde ihm der Geigenkasten aus der Hand gerissen. Roberto fiel der länge nach hin und als er aufblickte sah er grade noch einen Schatten um die Ecke verschwinden. Er nahm sofort die verfolgung auf, verlor jedoch bereits nach wenigen Gassen den Dieb aus den Augen.

Wütend über sich selbst und seine Unfähigkeit seine wenige Habe zu beschützen sank Roberto an der Mauerwand zu Boden. Da erspähte er in einem Haufen Unrat Bruchstücke seines schwarzen Geigenkastens, auch die Geige, wohl vom Dieb als wertlos abgetan, lag mit zerrissenen Saiten in dem Haufen. Roberto konnte sich nicht darüber freuen, sein Instrument wieder zu haben, statt dessen sah er in den zerrissenen Saiten sich selbst, gebrochen und zerschlagen, zu nichts mehr nutze.

Roberto war so verzweifelt, dass er seinen Tränen freien Lauf ließ, er rollte sich in der schmutzigen Gasse zusammen und merkte gar nicht, wie sehr er in der kalten Abendluft fror. Auch merkte er nicht, dass es angefangen hatte zu schneien und eine weiße Pulverdecke langsam ihn und den Boden der Gasse bedekte.

Ein helles Licht weckte Roberto aus seiner Verzweiflung und er glaubte für einige Augenblicke, er wäre im Himmel. Doch dann beugte sich ein wunderschönes Mädchen über ihn, ihr gold-blondes Haar leuchtete im Glanz der Straßenlaternen. Sie lächelte ihn freundlich an, wobei ihre goldenen Augen blitzten. „Steh auf Roberto“ sagte sie mit einer flötenden Stimme. „Deine Familie braucht dich! Steh auf.“ Roberto war verwundert, das Mädchen war ihm völlig fremd, ihre gesamte Erscheinung schien nicht an diesen Ort zu gehören, denn sie strahlte eine so vollkommene Reinheit aus, ein absoluter Kontrast zu der schmutzigen, trostlosen Gasse.

Nachdem Roberto sich aufgerappelt hatte und nach seiner kaputten Geige gegriffen hatte, wollte er sich bei dem freundlichen Mädchen bedanken. Denn er zitterte am ganzen Körper und er wäre sicherlich in wenigen Stunden erfroren, wenn sie ihn nicht aus seiner Verzweiflung gerissen hätte. Doch als er sich zu ihr zu ihr umwandte, war sie verschwunden. Er ging ans Ende der Gasse, doch auch dort war sie nirgendwo zu sehen. Nur ein einziges blondes Haar glänzte im Schnee und verriet Roberto, dass es sie wirklich gegeben hatte. Er bückte sich danach und als seine eisigen Finger das feine Haar berührten spürte er wie eine wohlige Wärme ihn durchflutete.

Am nächsten Tag stand Roberto wieder mit seiner Geige in der Hand auf dem großen Platz und spielte seine Melodien. Doch diesmal mit warmen Händen und einem Hut, in dem die Münzen klingelten. Seine Hände führten den Bogen geschickt über die neuen Saiten, in denen ein einzelnes gold-blondes Haar glänzte, das immernoch eine mollige Wärme ausstrahlte.

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2 Responses to “Feenhaar”

  1. Sarah sagt:

    Ein wunderschönes Weihnachtsmärchen! Danke dafür – hat meinen heilgen Abend abgerundet als ich es gerade gelesen habe :-)

  2. Hallo, wunderschöne Geschichte.
    Ich würde sie gerne auf meine in Arbeit befindliche Märchenhomepage aufnehmen, wenn du mir dein OK gibst und mir den Namen sagst, unter dem ich sie veröffentlichen soll
    Danke
    Flo

    [Admin: Liebe Flo, vielen Dank für Dein tolles Lob - Trinnity wird sich sehr darüber freuen! Du darfst gerne kurze Zitate der Geschichten auf Deine Webseite nehmen und Deinen Lesern einen Link zu uns gönnen. Komplette Veröffentlichung auf Deiner Website geht leider nicht.
    Schreibst Du selber auch Geschichten? Vielleicht möchtest Du eine schreiben, die wir hier veröffentlichen dürfen? Einen Link zu Deiner Seite gibt es natürlich dann auch!
    ]

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