September 6 2010
 

Die Zwillinge

An diesem Morgen war Viola so aufgeregt, dass sie ihren Pullover falsch herum anzog und dies erst bemerkte, als sie zum Schminken vor den Spiegel trat. Sie atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Heute war der Tag, auf den sie so lange gewartet hatten, der Tag den Viola in Gedanken unzählige Male durchgegangen war. Heute würden sie ihre Zwillingsmädchen abholen.

Viola und ihr Mann Nate waren nun beinahe fünfzehn Jahre verheiratet, sie besaßen ein sehr geräumiges Haus, mit großzügigem Gemüsegarten, außerhalb der Stadt und Nate war Chef über eine kleine, jedoch sehr gut laufende Schreinerei. Im Grunde führten die beiden ein glückliches Leben. Doch es gab etwas, das ihr vollkommenes Glück nachhaltig trübte: Sie waren Kinderlos, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschten als Eltern zu sein. Daher war es nicht witer verwunderlich, dass sie sich vor etwa drei Jahren auf eine Adoptionsliste hatten setzen lassen.

Eilig frisierte sie sich fertig, wobei sie genervt nach einem Insekt schlug, das ihr störend vor dem Gesicht herumflog. Getroffen prallte es an die Wand und fiel zu Boden, wo sie es achtlos liegen ließ, zum Saubermachen war jetzt keine Zeit mehr, die Mädchen warteten. Hastig lief sie die Treppe herunter und rannte zum Auto, in dem Nate bereits auf sie wartete.

Nate fuhr den Wagen durch eine Baumallee, es war bereits Herbst und die heruntergefallenen Blätter bildeten einen dichten, bunten Teppich. Am Waisenhaus angekommen stieg Viola schnell aus und blickte nervös in Richtung Tor. Einige Kinder spielten im Hof und ihre Stimmen wehten zu Viola und Nate herüber. Am Eingang wartete bereits die Oberschwester auf sie und zeigte ihnen den Weg zum Büro.

Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, führte sie die beiden in eines der Mädchenzimmer, wo sie zwei spielende Mädchen im Alter von sechs Jahren vorfanden. Das honigfarbene Haar der beiden glänzte in der einfallenden Sonne und als sie sich zu Viola und Nate umwandten funkelten ihre grünen Augen wie Saphire. Viola war hin und weg und schwor sich alles zu tun, damit es diesen wundervollen Geschöpfen an nichts mehr mangeln würde.

Die Mädchen waren auf dem Weg nach Hause sehr still, doch sie schienen nicht ängstlich zu sein, stattdessen sogen sie jeden Fetzen Natur in sich auf, der in ihr Blickfeld geriet. Und ihre Augen wurden groß als sie Violas großen Gemüsegarten erblickten und verstanden, dass dieser jetzt auch ihnen gehören würde. Staunend strichen sie zart über die Blüten, sowie die Früchte und das Gemüse, das hier wuchs. Doch noch hatten die Zwillinge kein Wort gesprochen, weder zu einander noch mit Viola oder Nate. Dieser beruhigte seine Frau, die Kinder müssen sich erst eingewöhnen und Vertrauen fassen, es wäre ja für sie alle eine absolut ungewohnte Situation.

In dieser Nacht schlief Viola sehr unruhig, doch plötzlich schreckte sie jäh hoch. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie herausfand, was sie da geweckt hatte. Ein sanftes Gemurmel, eine Art Geflüster drang zu ihr herüber. Verwirrt und neugierig stieg sie aus dem Bett um nach dem Ursprung des Geräusches zu suchen. Als sie leise das Zimmer der Mädchen betrat, fand sie dieses leer vor, doch sah sie deutlich Licht unter der Badezimmertür herscheinen und so klopfte sie zaghaft an. Vielleicht musste eines der Mädchen auf Toilette und das andere war mit gekommen, sie klopfte ein weiteres Mal, doch sie vernahm nur weiter das merkwürdige Flüstern.

Als sie die Türe vorsichtig öffnete hielt sie verwundert inne und betrachtete die Szene, die sich ihr dort bot. Die Mädchen saßen im Schneidersitz auf dem Badezimmerboden, flüsterten einen unheimlichen Chor in einer ihr nicht bekannten Sprache und hielten dabei die Hände über einen leblosen angequetschten Marienkäfer, der trostlos auf einer weißen Bodenfliese lag. Sie erkannte in ihm das Insekt, nach dem sie am Morgen so unwirsch geschlagen hatte. Aus ihrer Verunsicherung und Sorge um die Mädchen sprach sie zu den Kindern, die sie bisher noch nicht bemerkt hatten: „Kinder was macht ihr denn da? Das ist doch nur ein toter Käfer, das ist Pfui!!“ Doch die Mädchen reagierten nicht.

Plötlich jedoch passierte etwas, womit Viola nie gerechnet hätte, der gequetschte Käfer beulte sich zusehend aus, dann zitterten seine kleinen Flügel kurz und dann stieg er auf in die Luft und flog dort seine Runden, als sei nie etwas geschehen. Eines der Mädchen schaute sie strahlend an und sagte mit kindlicher Stimme: „Gar nicht Pfui, Marienkäfer bringen doch Glück!“

Wenn sie heute an diese Nacht zurück dachte, war sie froh, dass sie nie jemandem davon erzählt hatte. Es hätte ihr ja eh niemand geglaubt. Auch die Mädchen verloren von jeher nie wieder ein Wort über diese Nacht und vollbrachten auch nie wieder solch ein Wunder vor ihren Augen. Eigentlich entwickelten sie sich prächtig und verhielten sich ganz wie normale Mädchen. Nur manchmal war es Viola so, als blühe und gedeihe ihr Gemüsegarten wie nie zuvor und auch ihre Schnittblumen auf dem Küchentisch hielten mehrere Wochen.

Es war einfach wie verzaubert.

Random Posts

Leave a Reply

 
 

Recent Comments

Nice Tags

zwillinge kurzgeschichten 4h Elbennamen für kinder zwillinge elfen mädchen zwillings zimme geflüster kurzgeschichte traumgeister schminken nate mädchen geschichten zwillinge kindliche sprache zwillinge nate mädch kurzgeschichte über zwillinge