Das Wikingerschiff II

Tiefschwarz erhob sich ein glänzend nasser Körper aus den Tiefen des Nebels, der sich über Nacht gebildet hatte. Wie ein Aal sah er aus, nur bedeutend größer. Erik fröstelte und er fasste sein Schwert noch fester. Vor ihm ragte der riesige Kopf des Ungeheuers auf, Reihen messerscharfer Zähne zierten sein geiferndes Maul. Hinter sich hörte Erik das erstaunte Aufkeuchen seiner Kameraden. War da etwa Angst in ihren Stimmen zu hören? „Die Midgardschlange,“ keuchte einer ehrfürchtig.

Erik erfasste die Situation innerhalb weniger Herzschläge, das Monster hatte einen großen Teil seines Körpers um den Rumpf des Schiffes geschlungen, sodass der mächtige Kopf auf der Backbordseite drohend über dem Deck schwebte und der Schwanz an der Steuerbordseite spritzend durch das Wasser peitschte. Große Mengen Wasser wurden an Deck gespült, um dann wieder durch die Speigatt abzufließen. Offensichtliche Beschädigungen wies das Schiff zum Glück noch keine auf, aber das würde sich ändern wenn das Untier seinen Körper einsetzte um das Drachenschiff zu zermalmen. Und dies würde ihm mit Leichtigkeit gelingen.

Die Mannschaft hatte bisher wie in einem Schockzustand verharrt, pures Entsetzen war auf allen Gesichtern zu lesen. Doch Erik überkam ein seltsames Gefühl der Ruhe, er wusste, ihm wurde in diesem Moment die Chance geboten, auf die er sein Leben lang gehofft, ja gewartet hatte. Hier war das Abenteuer, hier war die Schlacht, die Möglichkeit sich zu beweisen und sich einen Platz in Valhall zu sichern. Dies war der Ausweg. Sein Mut würde sein Schicksal bestimmen.

Ein Sardonisches Lächeln auf den Lippen reckte Erik sein Schwert in die Höhe. Trotz des Windes, der unaufhörlich Gischt an Bord wehte, konnten alle an Bord deutlich Eriks Worte vernehmen. „Brüder, dieser Feind ist unser Tor nach Valhall! Wenn wir schon nicht überleben können, dann lasst uns unserem Volk Ehre bringen und im Kampf sterben.“ Dann erhob er seine Stimme zu einem wilden Kampfschrei und stürmte auf den Kopf der Seeschlange zu. Um ihn her fiel die gesamte Mannschaft in seinen Schrei ein.

Ein wilder Kampf entbrannte, eine Gruppe seiner Kameraden attackierte den Schwanz des Untiers, eine andere half ihm dabei, den Kopf unschädlich zu machen. Doch die Kreatur griff ihrerseits unerbittlich an und sie schien die kleinen Wunden, die ihr die Schwerter dabei zufügten gar nicht wahrzunehmen. Sie hatte es auf das gesamte Schiff abgesehen, Eriks Befürchtungen wurden wahr, denn die Schlange wickelte sich immer fester um den Rumpf. Der Schwanz des Untiers lag mittlerweile an Deck und der Kopf reckte sich immer weiter über das Schiff und zog die Schlinge enger. Das Holz ächtzte unter dem enormen Druck und die Besatzung reagierte darauf, indem sie fieberhaft auf den Schwanz einhackte.

Erik hatte bisher nicht viel ausrichten können, doch als der Kopf der Seeschlange sich langsam über das Deck reckte, sah er seine Chance gekommen. Er nahm Anlauf, benutzte eine kaputte Planke als Sprunghilfe und griff im Flug nach einem Seil, woran er sich dann hochzog. Er baumelte einige Augenblicke in der Takelage, bis sich das Moster mit seinem Kopf direkt unter ihm befand. Dann ließ sich Erik einfach fallen, wobei er sein Schwert mit beiden Händen gepackt hielt und auf ein Auge der Schlange zielte. Mit der Wucht seines Aufpralls drang das Eisen in das weiche Fleisch ein und verletzte die Schlange tödlich. Doch in ihrem Todeskrampf zog sich das Monstrum so sehr zusammen, dass der gesamte Schiffsrumpf in zwei Teile brach.

Als Erik die Augen öffnete befand er sich an Land, genauer gesagt lagen er und die gesamte Besatzung auf einer Marmornen Brücke, die über einen Abgund mit unzählbaren, rauschenden Wasserfällen gespannt war. Unter ihr erzeugte das Sprühwasser und die hohe Luftfeuchtigkeit hunderte von schillernden Regenbögen. Sie hatten es geschafft, dies war Bifröst, der Übergang zwischen Asgard und Midgard.

Valhall wartete bereits auf sie.

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