Das Wikingerschiff I
Bereits seit einer Woche hatten sich die Segel nicht mehr gebläht. Glatt wie ein polierter Spiegel lag die See da. Kein Lüftchen kräuselte ihre Oberfläche, es herrschte Flaute. Erik Sohn des Tjal legte sich in die Riemen, wie jeder andere Mann an Bord. Schweiß rann ihm aus dem Gesicht und tropfte von seinem roten Bart. Bei dieser Anstrengung spannten sich seine Armmuskeln bis zum Zerreißen, und brachten die eintätowierte Seeschlange auf seinem Arm in Bewegung. Das Ächzen des Holzes und der Klang der Trommel gaben den unerbittlichen Takt vor.
Fast sehnsüchtig erwartete die Mannschaft den Moment, wenn das große Rahesegel sich mit einem ohrenbetäubenden Knattern mit Wind füllen würde. Mit ihrer Muskelkraft schaffte das Langschiff grade einmal Dreieinhalb Knoten, mit Unterstützung des ersehnten Windes konnten sie bis zu zehn Knoten erreichen. Doch vergeblich hofften sie, denn nicht eine einzige Wolke trübte den blauen Himmel, um den erhofften Wind anzukündigen. Sengend strahlte die Sonne auf ihre nackten Oberkörper und Schenkel herab.
Auch das Trinkwasser ging langam zur Neige und wurde streng rationiert. Zwar war das Schiff von unendlichen Wassermassen umgeben, doch es handelte sich um ungenießbres Meerwasser. In ihrer Not hatten schon viele versucht, dieses Wasser zu trinken, hatten jedoch nach einem winzigen Schluck einen noch viel größeren Durst verspürt, als das salzige Wasser ihre Kehle hinunter rann.
Wenn sie nicht bald die Küste erreichen würden, um dort ihre Trinkwasservörräte aufzufüllen, würde die gesamte Besatzung in weniger als einer Woche über die Regenbogenbrücke Bifröst in Asgard einziehen.
Erik Sohn des Tjal hatte keine Angst vor dem Tod, doch er wollte im Kampf sterben, um sich einen Platz in Valhall zu sichern, er wollte nach dem Tod mit den Göttern speisen. Doch diese Möglichkeit würde ihm verwehrt bleiben, wenn er hier verdurstete anstatt den Heldentod zu sterben. Von Tag zu Tag wurde Erik unruhiger, es musste ertwas geschehen, sonst waren er und seine Kameraden verloren. Heimdall, der Wächter von Bifröst, der Regenbogenbrücke würde ihnen allen zu Recht den Weg nach Valhall verwehren. Was hatten sie denn schon geleistet? Für Abenteuer, große Schachten und Plünderung hatten sie ihre Heimat verlassen und nun würden sie auf hoher See zugrunde gehen, ohne je etwas von dem vollbracht zu haben.
In dieser Nacht gelang es Erik nur schwer einzuschlafen. Die Unruhe hatte von ihm Besitz ergriffen und er wälzte sich hin und her. Das stöhnen des Holzes und das Plätschern des Wassers, die ihm sonst ein Wiegenlied waren, schienen ihm unerträglich. Als er nach einer halben Unendlichkeit endlich eingedöst war, weckte ihn ein seltsames Geräusch. Etwas kratzte über den Bug des Schiffes, etwas sehr scharfes und Erik befürchtete, dass das Holz beschädigt wurde, sodass Wasser in das Schiffsinnere eindringen könne.
Er griff sich eine der Fackeln, die zur Nacht entzündet worden waren und stürzte zum Bug. Ein glitzernder schwarzer Felsen ragte aus dem Wasser, auf seiner Oberfläche wuchsen Muscheln und Algen. Das Schiff war auf diesen massiven Felsen aufgefahren und scheuerte nun an ihm entlang. Erik konnte sich dies nicht erklären, am Abend hatten sie den Anker gesetzt, da war dieser Felsen noch nicht zu sehen gewesen. Er drehte sich grade um, um ihren Kapitän auf dieses Mysterium aufmerksam zu machen, da wurde er gepackt und von den Füssen gerissen. Einige Augenblicke hing er in der Luft, dann wurde er gegen die Bordwad geschleudert.
Die Besatzung wurde augenblicklich wach und es entstand große Aufregeung. Erik rappelte sich mühsam auf und kramte nach seinem Schwert. Als er den beruhigend kühlen Griff zu fassen bekam drehte er sich um und stellte sich seinem Schicksal.
