February 5 2012
 

Mistelzweige

Der Wind wehte stark, riss an ihrem Mantel und ließ ihr langes Haar tanzen. Es würde nicht mehr all zu lange dauern, denn man konnte bereits das Ufer in der Ferne sehen. Die Wellen brachen sich an tiefschwarzen Felsen, die sich gespenstisch aus dem Nebel erhoben und besprühten sie mit ihrer Gischt. Das Donnern der Brandung war ohrenbetäubend.

Kila trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Sie mochte die See, doch sie hasste Schifffahrten. Als Kind musste sie der Seebestattung ihrer Eltern beiwohnen, seitdem überkam sie jedesmal ein beklemmendes Gefühl wenn sie sich auf einem Schiff befand.

Als das Schiff am Steg anlegte sprang Kila als Erste von Bord. Sie schwankte einige Augenblicke, doch dann schulterte sie ihren Rucksack und ging zielstrebig auf einen Hühen von einem Mann zu. Dieser strahlte übers ganze Gesicht, als er sie erblickte. „John!“ rief Kila erfreut „Es tut gut, dich zu sehen Brüderchen!“ Der Hühne drückte sie so fest an sich, dass sie meinte, in einen Schraubstock geraten zu sein und wischte sich Tränen aus dem Bart.

Kila rieb sich den Rücken, lächelte jedoch. Sie hatte John seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Der Berg von einem Mann packte ihr restliches Gepäck mit einer Leichtigkeit, als ob es sich um den Schulranzen eines kleinen Mädchens und nicht um die gesamte Habe einer erwachsenen Frau handelte. „Grandpa erwartet dich schon,“ murmelte John durch seinen geflochtenen Bart, „er spricht seit Wochen über nichts anderes mehr.“ Kila war erstaunt, sie hatte erst vor zwei Tagen endgültig den Entschluss gefasst hierher zurück zu kommen. Doch eigentlich sollte es sie nicht wundern, der alte Grandpa Logan wusste vieles bereits bevor es geschah.

Früher, zu Zeiten der Kelten, hätte Grandpa Logan wohl zu den Druiden gezählt, mit ihrem Wissen über die Natur der Magie und ihren geheimen Kräften wurden sie damals in Irland genauso verehrt wie gefürchtet. Heute jedoch wurden Männer wie er nur für exzentrisch oder gar kauzig gehalten, man belächelte sie einfach.

Grandpa Logan hatte Kila und John viel beigebracht, nachdem sie als Waisenkinder zu ihm gekommen waren. Doch Kila war mit achtzehn vor dieser Welt geflüchtet, es hatte sie geängstigt, über wieviel Macht sie verfügte. Sie war in der Lage gewesen das Schicksal von Pflanzen, Tieren und sogar Menschen zu sehen und darauf Einfluss zu nehmen. Sie hatte sogar eine begrenzte Macht über das Wetter.

Zuerst fühlte sich Kila wie in einem Märchen, bis eines Tages ein Mädchen, mit dem sie sich gestritten hatte aus heiterem Himmel von einem Blitz getroffen wurde und für einige Wochen ins Krankenhaus musste. Von da an distanzierte sich Kila immer mehr von der Magie und benutzte ihre Fähigkeiten nie wieder, denn eines stand fest: Kila hatte das unschuldige, wehrlose Mädchen mit ihren Kräften mutwillig verletzt.

Erst vor einigen Wochen hatte Kila sich endlich wieder mit ihren Kräften befasst, denn irgendeine Macht schien Nacht für Nacht an ihr zu ziehen, bis sie edlich nachgab. Sie versetzte sich in eine Trance und sah sich selbst Britannien verlassen um nach Irland zurück zu kehren. Sie hatte zweieinhalb Wochen gebraucht, um endgültig zu entscheiden nach Hause zu fahren, denn Britannien hatte ihr kein Glück gebracht.

All diese Erinnerugen trommelten nun wie Fausthiebe auf Kila ein, während sie die Zufahrt zu Gandpa Logans Haus erreichten. Doch als sie das Haus und somit den Ort ihrer Kindheit betrat waren alle schlechten Gedanken wie weggeblasen, sie war zu Hause. Nichts hatte sich verändert, selbst der Geruch nach Kaminholz und getrockneten Kräutern war der gleiche wie vor zehn Jahren. Grandpa Logan humpelte schwer auf seinen Stock gestützt auf sie zu, begrüßte sie herzlich, umarmte und küsste sie, und sagte dann glücklich: „Jetzt kann ich endlich meine Reise antreten und Ruhe finden.“ Kila war verwirrt, sie verstand nicht was der Alte damit sagen wollte.

In der Nacht wurde Kila von einem unguten Gefühl geweckt, sie stand auf, zog sich ihren Morgenmantel über und schlich die Treppe hinunter in die Wohnstube. Ein Schatten fiel zum Fenster hinein, weshalb Kila hinaus spähte. Unter der uralten Eiche im Garten hockte ein großer Bär, legte einen Strauß Misteln auf den Boden und verschwand dann im Unterholz. Kila rieb sich die Augen, schüttelte den Kopf und schlich zurück ins Bett, es war wohl doch eine anstrengende Reise hierher gewesen.

Am nächsten Morgen wurde sie von ihrem aufgeregten Bruder geweckt, Grandpa Logan sei verschwunden, er hätte im Garten nachgeschaut aber da sei er nicht gewesen und mit seiner kaputten Hüfte könne er doch gar nicht viel weiter weg sein. In diesem Moment überkam Kila ein erschreckender Gedanke. Sie rannte in den Garten zur alten Eiche, kniete nieder und hob einen Strauß Mistelzweige auf und da wusste sie die Wahrheit, er war endgültig weg und dies war sein Abschiedsgeschenk. Grandpa Logan war zu seinem letzten Abenteuer aufgebrochen.

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