Nachtexpress
Wieder ging ein arbeitsreicher Tag zu ende. Ich saß in einem dieser schäbbigen Zugabteile, die von oben bis unten mit Grafitti und Müll verschandelt waren. Es roch nach abgestandenem Alkohol, Zigarettenrauch und Urin. Es war schlimm genug, dass ich dies jeden Morgen ertragen musste, doch wenn ich spät Abends auf dem Weg nach Hause war, war dies die reinste Tortur!
Es war unheimlich hier, es stank, der Boden klebte vor Schmutz und die anderen Fahrgäste waren mir nicht geheuer.
Mir gegenüber saß ein Mann in schwarzem Anzug und Kravatte, er sah wie alle anderen Geschäftsleute aus, vielleicht ein Bänker?
Eigentlich war nichts auffällig an ihm, es gab keinerlei Merkmale, die ihn zu etwas besonderem machten. Er war ganz und gar gewöhnlich. Viel zu gewöhnlich!
Der Fremde starrte aus dem Fenster, doch ich wusste, dass er mich durch die Spiegelung in der Scheibe beobachtete. Ich konnte seine Blicke förmlich spüren. Ein Gefühl von Panik nahm von mir Besitz und ich fröstelte.
Ich versuchte meine Fluchtreflexe zu unterdrücken und redete mir ein, dass ich einfach müde sei und ins Bett gehöre. Da fielen mir die Hände des Fremden auf, sie waren im Gegesatz zu allem Anderen an ihm ganz und gar nicht gewöhnlich. Seine Fingerägel waren lang und sehr spitz und sie waren leicht gebogen, sodass sie eher an Krallen eines Raubtiers erinnerten, als an die Hände eines Geschäftsmannes. Dieser Mann war mir in jeder Hinsicht unheimlich!
Die Bahn näherte sich meiner Heimat, schneebedeckte Äste kratzten an den Wagonwänden und Scheiben entlang. Nur noch eine Station, bis zu meiner Haltestelle. Erleichterung überkam mich, nur noch wenige Minuten trennten mich von meinem molligwarmen Bett.
Ein eisiger Windhauch strich über mich hinweg und ich schlang meinen Mantel enger um mich herum. Lächelte der Fremde? Ich hätte schwören können, dass er einen Augenblick lang gelächelt hatte. In gedanken feuerte ich die Bahn an, sich ihren Weg schneller durch den Wald zu bahnen, ich wollte endlich hier raus.
Der Fremde trommelte jetzt mit seinen Krallenfingern auf dem eisernen Müllbehälter herum und erzeugte dabei ein wirklich nerviges, trapperndes Geräusch, wie von unzähligen Insektenfüßen.
Entnervt versuchte ich wegzuhören, doch das Trappern hallte unaufhörlich durch meinen Kopf.
Ich rutschte nervös auf meinem Sitz hin und her, meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, mein ganzer Körper war darauf eingestellt zu flüchten, wenn nur endlich die verdammte Bahn anhalten würde.
Endlich, nach Jahren wie mir schien, drosselte die Bahn ihre Fahrt und fuhr in den Bahnhof ein. Ich griff nach meiner Handtasche, stand auf und stellte mich an die Tür. Süße Freiheit, sie war ganz nah.
Auf einmal jedoch packte mich etwas am Arm, ich schreckte herum und stand dem Fremden gegenüber, sein fauliger Atem schlug mir entegegen und seine Nägel kratzten mir schmerzhaft über den Arm. Sein Gesicht war mir ganz nah und plötzlich war der Fremde gar nicht mehr so gewöhnlich, als ob er eine Maske abgesetzt habe. Schrecklich verzerrte Gesichtszüge, glühende Augen, in denen ein irrer Blick wohnte. Ich war zu Tode verängstigt.
Dann ging die Wagontür auf und der frische Winterwind wehte mir entgegen. Meine Panik setzte unheimliche Kräfte frei, sodass ich der Kratur meinen Arm entreißen konnte. Ich stolperte auf den Bahnsteig und rannte wie von Dämonen gehetzt nach Hause. Den gesamten Weg über verfolgte mich das nervenzerreißende Kichern des Fremden.
An diesem Abend hatte ich hinter eine Fassade geschaut und etwas erblickt, das ich niemals hätte sehen sollen. Und dafür zahle ich noch heute einen hohen Preis, denn seit dem habe ich keine Nacht mehr geschlafen, ohne das dämonische Gelächter des Fremden zu hören.
