Die Anderswelt
Ich war schon immer etwas anders als die meisten Kinder in meinem Alter. Seit ich denken kann sehe ich sonderbare Dinge, die Andere nicht sehen können: Erscheinungen, bunte Lichter, manchmal sehe ich sogar Wesen, die einem Märchen entsprungen sein könnten. Relativ schnell wurde mir klar, dass meine Familie nicht sehen konnte, was ich sah, nicht hören und sogar riechen konnte, was ich so selbstverständlich wahrnahm. Für sie war ich einfach etwas sonderbar.
Meine Mutter nannte mich liebevoll „meine kleine Traumwandlerin“, wenn ich mal wieder diesen verträumten Gesichtsausdruck bekam, mein Bruder hingegen scherzte: „Sie telefoniert mal wieder mit der Anderswelt!“
In der Schule wurde ich gemieden, ich galt als sonderbar und nicht ganz helle. Das lag daran, dass ich von dem fantastischen Geschehen um mich herum meistens so vereinnahmt war, dass ich die Fragen des Lehrers häufig erst beim zweiten Mal verstand und dann natürlich auch nicht richtig beantworten konnte. Ich hatte einfach nicht aufgepasst.
Wie konnte ich auch, wenn sich auf meinem Pult zwei Kobolde in die Haare bekommen hatten und sich mit dem Inhat meiner Federmappe bekriegten? Oder wenn ein Einhorn auf dem Schulhof die Rosenbüsche fraß? Oder der kleine Wechselbalg, in form einer gelben Katze, der auf der Tafel saß und jedes Mal den Lehrer anfauchte, wenn er ihm zu nahe kam.
Wenn ich nicht aufpasste verschwanden hin und wieder mal Sachen von mir, mal das Turnzeug oder das Malzeug, die Federmappe oder Hefte aus meinem Schulranzen. Die Jungs aus meiner Klasse kicherten dann jedes Mal unverholen und sagten Dinge wie „Ach dein Turnbeutel? Ja, da ist eben ein Elf aus der Klasse gerannt, der hat ihn geklaut!“ oder „Da war grad ein feuerspeiender Drache, der hat deine Federmappe gefressen!“
Nach der großen Pause lagen die Sachen dann jedoch alle immer wieder an ihrem Platz.
Ich mochte die Schule nicht, ich hatte keine Freunde und das Beste, das mir passieren konnte war, wenn meine Anwesenheit höflich toleriert wurde.
Zu gerne hätte ich jemanden gehabt, mit dem ich meine Erlebnisse teilen konnte, der wusste wovon ich spreche und mich nicht belächete, weil er es selbst erlebte.
Dieser Wunsch sollte Jahre später endlich in Erfüllung gehen.
Als ich in die 9 Klasse der Realschule ging beobachtete ich auf dem Schulhof einen Jungen, er war neu an der Schule und würde die letzten beiden Jahre hier bleiben, bis er seinen Abschluss gemacht hatte. Er war sehr still und daher wusste niemand so recht, wer er war und woher er kam. Er saß auf einer Bank und beobachtete etwas. Als ich näher trat erkannte ich, dass es sich um eine kleine Fee handelte, nicht größer als ein Daumen. Sie schwebte vor ihm und machte hin und wieder ein kleines Kunststück.
Ich setzte mich zu dem Jungen auf die Bank und fragte neugierig: „Was beobachtest du denn da? Du siehst so verträumt aus.“ Er wurde rot und antwortete hastig „Ach nichts, was soll denn da sein?“ Da hatte ich meine Bestätigung, er konnte sie sehen! Er war aufgestanden und wollte grade davon gehen, als ich ihn fragte „Du hast eine Fee beobachtet nicht wahr?“ Er drehte sich erschrocken zu mir um, dann jedoch grinste er über das ganze Gesicht „Ähm ja, das war Polli, wir kennen uns seit vielen Jahren, du siehst sie auch?“ Ich war erstaunt „Ja, ich sehe sie, aber wie kommt es, dass du ihren Namen kennst? Mich hat nie eins der Wesen wahrgenommen, das ich gesehen habe.“
Jetzt lachte er vergnügt „Sag mir nicht, du hast nie versucht mit ihnen Kontakt aufzunehmen?“ Ich schüttelte verwirrt den Kopf. „Nunja,“ erklärte er mir „sie sind es gewohnt von den Menschen nicht wahrgenommen zu werden und ignorieren uns daher vollkommen. Sie können ja nicht ahnen, von welchen wenigen Menschen sie gesehen werden können. Man muss sie direkt ansprechen, etwa wie– He du rosa Kobold mit dem Blumenkohl auf dem Kopf!- oder so ähnlich“
Wir lachten herzlich und unterhielten uns lange über die so genannte Anderswelt, wie man zu ihr Kontakt aufehmen konnte und wie man manche Wesen sogar für sich arbeiten lassen konnte, zum Beispiel indem man ein Ritual vollzog um sie anzulocken und wie man sie überreden, umschmeicheln und bestechen konnte.
Ich konnte so viel von diesem Jungen lernen, endlich hatte ich jemanden gefunden, der so war wie ich, einen echten Seelenverwandten.
Heute sind wir ein Paar und haben einen gut laufenden Magie- und Esoterikbedarfsladen eröffnet, für jene Menschen, die auch genauso etwas Besonderes sind wie wir.
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