Jedes Jahr im Sommer fuhren meine Freunde mit ihren Familien in den Urlaub. Ans Meer, in die Berge oder in irgendeine europäische Großstadt, nur wir konnten uns so eine Reise leider nicht leisten. In meinem ganzen Leben bin ich nie aus meinem Heimatdorf heraus gekommen. Deshalb war ich umso überraschter, als mein Vater am vorletzten Schultag vor den Ferien erklärte, dass wir uns ein Wohnmobil leihen würden und mal endlich ins Grüne zum Camping fahren würden.
Die Fahrt war etwas ganz Besonderes, meine kleine Schwester und ich hatten gar keine Langeweile, denn die tollen Landschaften und die Vorfreude beschäftigten uns vollkommen. Sophie und ich bestaunten die Natur und spielten „Wolkenbilderraten“ und „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“. Ehe wir uns versahen war der halbe Tag rum und wir machten Picknick an einem kleinen Rasthof.
Nach dem Essen ging die Fahrt zügig weiter, sodass wir am frühen Abend bereits den Campingplatz in einem schönen Waldstück erreichten. Da wir mit einem Wohnmobil gekommen waren, mussten wir auch nichts aufbauen, bis auf das kleine Zweimannzelt, das ich mir mit Sophie teilen wollte.
Sophie schlief schnell ein, doch ich lag lange wach und lauschte den Geräuschen des Waldes. Das unheimliche Schuhuen eines Waldkauzes zog mich am meisten in den Bann. Irgendwan fielen jedoch auch mir die Augen zu.
Ich weiß nicht, wie lange ich bereits geschlafen hatte, als mich ein sonderbarer Gesang weckte. Ich stieß Sophie an um sie zu wecken. Zuerst schaute sie mich verwirrt an, doch dann lauschte auch sie erstaunt. So einen Gesang hatten wir beide noch nie zuvor gehört. Eine klare, helle Frauenstimme sang in einer uns unbekannten Sprache, und doch verstand unser Herz jedes Wort des euphorischen Liedes. Es handelte von Neugierde, Spaß und Tatendrang, es erzählte von der Schönheit der Natur und der Grenzenlosigkeit dieser Welt.
Wie auf ein Zeichen hin standen Sophie und ich gleichzeitig auf, verließen das Zelt und machten uns unbemerkt auf den Weg die Quelle des Gesangs zu finden. Wir liefen immer tiefer in den Wald, liefen barfuß und hatten bloß unsere Pyjamas an, doch der Gesang erfüllte uns mit einem überwältigenden Gefühl von Wärme, sodass wir den kalten moosigen Waldboden unter unseren Füßen gar nicht wahrnahmen.
Je näher wir seinem Ursprung kamen, desto lauter und eindringlicher wurde die betörende Stimme, wir wurden eins mit den Tönen und den mystriösen Worten, die nur unser Herz verstand. Plötzlich mischte sich ein Rascheln in den Gesang, von überall um uns herum traten Kinder aus dem Wald, genauso wie wir in Nachtkleidung und auf der Suche nach der sonderbaren Stimme.
Wir kamen am Ufer eines Sees an, er lag ruhig und silbern da im Mondenschein. Aus seiner Tiefe ragte die Gestalt einer groß gewachsenen Dame hervor, die langen Arme lockend ausgestreckt. Ihr Kopf war bedeckt mit hüftlangen Algensträhnen und aus ihrem Gesicht blickten uns zwei saphirblaue Augen auffordernd entgegen. Ihr Gesang schwoll an und überwältigte uns mit seiner Schönheit. Wir waren eingehüllt in ein Gefühl der Geborgenheit, Wärme, Vertrauen und die Gewissheit geliebt zu werden.
Ich merkte es gar nicht, als meine Füße den See erreichten und das Wasser berührten. Es kroch mir die Waden hoch, bis ich erst hüfthoch und später bis zu den Schultern im Wasser stand.
All das bemerkte ich gar nicht.
Es war nicht mehr wichtig, meine Schwester und ich und all die anderen Kinder würden für immer in die Ewigkeit eingehen.
Für immer geliebt und behütet von der Natur.
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